MonatNovember 2017

24 TAGE VOLLER LICHT – DER UMGEKEHRTE ADVENTSKALENDER


Tausende von Kerzen kann man am Licht einer Kerze anzünden, ohne dass ihr Licht schwächer wird. Freude nimmt nicht ab, wenn sie geteilt wird.
Siddhartha Gautama Buddha
Noch 24 Tage bis Weihnachten… Und bestimmt haben sich viele von euch Gedanken darüber gemacht, wie ihr den Kindern das Warten und das sich Sehnen bis zum Weihnachtsfest versüssen könnt. Denn die 24 Tage würden einfach viel zu lange dauern und das Warten einem wahnsinnig machen, würde man nicht jeden Tag ein Türchen öffnen dürfen, eine Geschichte hören, eine Kerze anzünden, ein kleines Päckchen auspacken oder nach und nach das Adventsgärtlein aufbauen. 
Der Adventskalender ist aber auch eine ganz zauberhafte Erfindung, die Kinder auf das grosse Fest vorzubereiten und die Vorfreude zu nähren. Meine Kinder stehen in der Adventszeit jedenfalls leichter und viel lieber auf als an den Morgen der restlichen 11 Monate… Tja.
Vor ein paar Tagen bin ich auf das Projekt des umgekehrten Adventskalenders von Streetlife Wien gestossen und beschloss, dass wir dieses Jahr mitmachen bei der Aktion. Ein tolles Projekt, wie ich finde, bei dem man jeden Tag etwas verschenkt, statt was zu bekommen. Die Idee ist: Ab dem 1. Dezember jeden Tag ein neues, haltbares Produkt in eine Kiste zu packen und an Weihnachten zu einer Sachspenden-Annahmestelle zu bringen. Wir haben uns entschieden, dass unser gefüllte Adventskalender zur Caritas gebracht wird. Hier findet man die Listen, was in welchem Haus an aktuellen Sachspenden am dringendsten benötigt wird. Denn, nicht alle Mamas und Papas machen sich Gedanken über stimmige Weihnachtsvorbereitungen ihrer Kinder. Nicht, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht dazu kommen. Weil die Kraft fehlt, die Musse, die Mittel. Weil die Sorgen gross sind, Ängste und Trauer sie erdrücken, weil Not herrscht und weil sich manche fragen, wie sie den nächsten Tag überstehen.
Es ist richtig, sich die Adventszeit schön zu gestalten. Es ist wichtig, sich auf Weihnachten freuen zu dürfen, auf ein Fest, welches man in Gemeinschaft verbringt, sich nah ist, es sich fein macht.
Vorbereitungen sind gut und sinnvoll und pflegen die Seele der Kinder, wenn wir ganz einfach, aber voller Liebe, jeden Tag etwas Kleines für sie bereit haben. Das ist auch gar nicht materiell gemeint. Eine Geschichte, ein Lied, währenddem man gemeinsam die Kerze anzündet, können Momente des grossen Glücks sein. 
Aber es ist einfach schön, wenn dabei die anderen nicht vergessen werden. Die Kinder eben, deren Eltern jetzt grad nicht können.
Meine Lütten mögen ja immer nicht mitgehen zum Einkaufen. Grosses Gemaule und Zeitlupentempo, wenn wir los wollen. Aber diesmal waren sie voller Freude und haben mit viel Herzblut eingekauft. Der Grosse meinte: “Ich weiss eben am Besten, was Kinder so brauchen.” Und das stimmt ja so sehr.
Ab Freitag dürfen die Kinder jeden Tag eines der ausgewählten Produkte in die vorbereitete Geschenkeschachtel legen. Sie freuen sich jetzt schon aufs Herrichten der Kiste. Wenn sie gefüllt ist, vor Weihnachten, überbringen wir unser Paket der Caritas und hoffen fest darauf, dass wir so etwas Licht und Wärme überbringen dürfen.
 
Ha, ha, ich höre die Kritiker denken: “Das bringt doch nüscht. Eine Kiste reicht doch niemals.” Stimmt, da habt ihr vollkommen recht. Es braucht ne ganze Menge Kisten. Mitmachen ist pipileicht! Hier findet ihr alle Listen der aktuellen Sachspenden der Caritas.
Weil es einfach noch viel schöner ist, mit der Familie und den liebsten Freunden Weihnachten zu feiern, wenn man weiss, dass es andere auch gut haben.
Viel Licht und Liebe, euch und euren Liebsten.
Sandra
Vielleicht mögt ihr diesen Post teilen. Ich würde mich sehr freuen.

Der umgekehrte Adventskalender gibt es übrigens auch in Deutschland. Hier findet ihr Infos dazu.

Übrigens: Ja, auch meine Kinder haben Adventskalender. Abwechselnd dürfen sie ein kleines Päckchen öffnen und/oder ein Schnürchen am Holzkalender ziehen, bei dem ein Tier in die Schneelandschaft huscht. Am 24. Dezember wird dann der Weihnachtsbaum zum Vorschein kommen. Der Holzkalender ist meine Diplomarbeit, die ich als Kindergärtnerin im Werkunterricht geschaffen habe. Adelheid Schait hat den genialen “Bauplan” gefertigt, und zusammen mit meinem Vater habe ich Wochenende um Wochenende gesägt, geschliffen, getüftelt und gemalt. 

Den Adventskalender hängen wir jeden Dezember in unsere Stube. Seit gefühlten hundert Jahren. Und noch immer finde ich ihn wunderschön.

HERZEN FÜLLEN – GEDANKEN ZUR VORWEIHNACHTSZEIT

 

Kekse knuspern, Kerzen anzünden, Geschichten erzählen und ab und zu was werkeln. 
Mehr braucht kein Mensch.

Mein Herz ist Beschützer wunderschöner Erinnerungen. In gewissen Zeiten halte ich mich an diese, weil sie mir helfen, zu erspüren, was wirklich zählt. Gedanken an warme, stimmungsvolle Adventstage meiner Kindheit, zum Beispiel. Wie einfach es war, voller Glück und Aufregung zu sein, aufgehoben in einem Zauber, der damals aus wenig bestand und doch jede Zelle meines Ichs berührte.

Ich erinnere  mich, wie ich ganz früh an einem Weihnachtsmorgen neben dem Christbaum am grossen Fenster stand, in die Schneelandschaft blickte, und wie ich tief in meinem Innern fühlte, dass es wohl nichts Schöneres auf der Welt geben kann wie dieser Schnee, dieser geschmückte Baum und ich in dieser Stille.

Viele Jahre später wünsche ich mir diese Empfindungen immer wieder zurück. In einer Zeit, in der alles anders ist (mal abgesehen davon, dass hier seit Jahren kein Schnee mehr liegt an Weihnachten….), mein Herz jedoch immer noch meinen Puls bestimmt.

Seit Jahren nehme ich mir jeden November vor, noch langsamer zu werden,  noch viel weniger im Aussen, stattdessen mehr im Innern zu weilen.
Und trotz guter Vorbereitung und einer Alltagsgestaltung in SloMo meinerseits, ist es doch eine ganz schöne Herausforderung, den Rhythmus der Welt mit meinen Bedürfnissen zu verbinden und die Zeit meiner Kinder mit dem Notwendigen zu füllen, nämlich: gemeinsame Zeit, eine Stimmung des Wohlbefindens, der Wärme und sonst nichts.
Klingt einfach, aber eben.
Als Kindergärtnerin habe ich die Tage im Dezember ganz, ganz einfach gehalten, weil mir bewusst war, welchem Stress und Überfluss manche Kinder ausgesetzt waren. Schon der Gang in den Supermarkt, wo bereits ab September Tausende Schokokläuse stramm stehen, ist ja eigentlich eine Herausforderung, die man den Kindern gerne ersparen würde. Wenn ich also meine Vorbereitungen dann so vor mir liegen sah, kam schon dann und wann das Gefühl auf, dass doch alles sehr Minimalistisch daher kam. Doch spätestens am ersten Dezember, wenn die Kinder das erste “Türchen” ihrer Adventskalender geöffnet hatten, Pferdehaargummi, Feuerwehrpflaster, das Schokoherz und das Bild mit der brennenden Kerze bestaunt hatten und sich schon auf die Geschenke vom nächsten Tag freuten, wusste ich: “Meine Planung ist genau richtig.”
Und ich wusste es allerspätestens am 7. Dezember, wenn der Kindergarten-Samichlaus (Nikolaus aus der Schweiz) mit seinen Geschichten aus dem Wald wieder gemütlich in sein Häuschen zurückgekehrt war (der Glückspilz!!!) und die Kinder in einem Eldorado aus Erdnüssen, Schokolade, Lebkuchen und kleinen Spielzeugen versanken, weil…
– auch der Nikolaus zu Hause die DVD von Rudolf das Rentier gebracht hatte…
– Oma einen Nikolausgruss per Post schickte…
– die Nachbarin von oben ein paar Leckereien, ein Bilderbuch und eine CD mit leider total prekär arrangierten Weihnachtsliedern im Namen von Nikolo an die Türklinke hängte…
– die Nachbarin von unten ein synthetisches Plüschrentier vorbeibrachte…
Allerallerspätestens ab dann war sichtbar, in was für einen Irrsinn manche Kinder katapultiert werden. 

Natürlich ging es weiter mit Basarbesuchen am Wochenende, Adventskaffee-Einladungen hier, vorweihnachtliches Kekse backen mit Kindern dort, gemeinsames Singen für die Weihnachtsstimmung in der Nachbarschaft, Besuch des Weihnachtspuppentheaters in der Stadt. Alles gut gemeint. Alles stimmungsvoll inszeniert. Alles untermalt mit Musik. Und Duft. Und Licht. Und Glitzer.
Ein Kind ist immer ein Kind. Mit allen Sinnen aufnehmend, Eindrücke sammelnd, Stimmungen empfindend, voller Neugierde. Alle Fühler sind ausgestreckt, bereit Neues zu erfahren. Das ist wunderschön und soll bitte unbedingt genährt werden. Aber man darf nicht vergessen, dass alles sinnlich Erfahrene Zeit und Ruhe braucht, um sich zu setzen, um geordnet und verarbeitet zu werden um dann internalisiert werden zu können. 
Sinnesüberforderung, diese aufgedrückte “Weihnachtsstimmung”, die doch so weit entfernt von der Stimmung ist, mit der ein kindliches Gemüt umgeben werden sollte, nährt jedoch die Seele niemals. Und auch nicht der Überfluss und die Masslosigkeit, die eine grosse Leere inmitten dieser Fülle hinterlässt.
Es ist eine grosse Aufgabe und braucht ein bisschen Mut, finde ich, das Draußen manchmal einfach draussen zu lassen und sein eigenes Ding zu machen. 
Liebevoll einen Schutzraum für die Familie zu gestalten, im Wissen, dass es lebensnotwendig ist, zur Ruhe kommen zu dürfen, weil es nur mit Musse möglich ist, hin zu spüren, zu fühlen, zu schauen, zu staunen, auszuprobieren, einfach nichts zu tun. Die Seele in Friede und Beschaulichkeit nähren. Vögel füttern, kuscheln, in den Wald gehen, singen, heimlich Keksteig naschen, einander Geschichten erzählen, zusammen sein, malen und werkeln, lümmeln und spielen. Zurück zu dem, was wirklich zählt. Zurück gehen von der leeren Fülle zu gefüllten Herzen.

Manchmal, wenn es mir schwer fällt, hilft es, mich zurück zu spüren, an früher. Zurück an den Weihnachtsmorgen, neben dem Christbaum am grossen Fenster. Wie ich in die Schneelandschaft blicke. Der Schnee, die geschmückte Tanne und ich in dieser Stille und dem grossen Glück.

Eine friedvolle, lebendige, glückliche und innige Adventszeit, euch allen.
Alles Liebe, Sandra

FEUERANZÜNDER ZU WEIHNACHTEN // DIY

Auf dem Nachhauseweg von der Kita fragt die Kleine: “Mama, wo sind meine Bokal?” Bokal? Ich verstehe kein Wort und frage: “Was suchst du?” Sie, ein bisschen ungeduldig: “Meine Bokal.” Ich tu so, als ob ich überlegen würde, schaue nach links und nach rechts, aber in Wahrheit habe ich keine Ahnung, was Bokal sind… Bokal, Bokal… Dann zieht sie aus ihrer Jackentasche zwei kleine Tannenzapfen und sagt freudig. “Hier, schau, so schöne Bokal!” Ach so… DIE (eigentlich Pockerln, Föhrenzapfen). Österreichisch für Anfänger… Weiterlesen“FEUERANZÜNDER ZU WEIHNACHTEN // DIY”

BÜCHER SIND LEBENSMITTEL – SAMICHLAUS UND SEINE BRÜDER

Nun wollte ich euch heute ein paar wirklich tolle Bilderbücher vorstellen, weil ich dachte, dass diese sich auch gut machen in einem Nikolaussack. Schoggi schmausend und Nüsse knackend Samichlausgeschichten hören ist nämlich besonders gemütlich und stimmungsvoll. Aber gerade als ich anfangen wollte zu schreiben, fiel mir auf, dass ich eigentlich “nur” Bilderbücher in meinem Bücherregal stehen habe, die vom rot gekleideten Samichlaus aus dem Wald erzählen…

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BIENENWACHSKERZEN ROLLEN // DIY

Alle Jahre wieder… 

…freue ich mich auf das Bienenwachskerzen – Drehen mit den Kindern. Weil es ur gemütlich ist, umhüllt von diesem zauberhaften Duft zusammenzusitzen und die Wachsplatten zu Kerzen zu drehen. Zu den schönsten Kerzen, mit dem wärmsten Schein überhaupt, wie ich finde.  Weiterlesen“BIENENWACHSKERZEN ROLLEN // DIY”

ST. MARTIN // EINE GESCHICHTE FÜR KINDER

St. Martin steht vor der Türe und die Kinder sind aufgeregt. Sie freuen sich riesig darauf, mit den Lichtern durch die Dunkelheit zu gehen, gemeinsam Laternenlieder zu singen und sich danach ein Martinsgänschen zu teilen. Es ist ein zauberhafter Brauch und es bedarf eigentlich keiner weiteren Erklärung, weshalb man am 11. November mit den Lichtern durch die Nacht zieht. Aber manchmal kann so ein Anlass noch inniger erlebbar gemacht werden, wenn man die Kinder ein paar Tage vorher schon auf das Fest vorbereitet… Weiterlesen“ST. MARTIN // EINE GESCHICHTE FÜR KINDER”

HÄNDE HOCH! WENN KINDER MIT WAFFEN SPIELEN

  

PIFF, PAFF, PUFF

Oder was, wenn manchmal mehr Räuberhöhle als Puppenecke ist?
“Also wenn ich mal gross bin, dann werde ich James Bond. Einfach ohne küssen!” meinte damals ein Kindergartenkind zu mir. Anscheinend habe ich ihn entgeistert angeschaut, denn er fügte, so unter uns, noch hinzu: “Küsse, bäähhh.” Ich verstand. Mit ohne Küssen, dafür mit viel Knarre und Kampf. Gut.

Ehrlich gesagt, ich war als junge Kindergärterin unsicher im Umgang mit Waffen in der Kindergruppe. Kinder und Waffen passt nicht. Krieg, Gewalt, Kindersoldaten. Furchtbar. Schwerter gingen noch grad so, fand ich. Aber wenn die Kinder mit Pistolen und Gewehren hantierten, war bei mir aus die Maus. Kein gutes Gefühl, also habe ich mit den Kindern darüber gesprochen: Waffen sind nicht gut, sich erschiessen ist furchtbar und kämpfen nicht schön (piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb). “Spielt miteinander, baut eine Hütte zusammen, oder malt mit den Wasserfarben”, schlug ich ihnen stattdessen vor. Die Kinder aber haben mich angeschaut, als ob ich vom Mond käme. Sie hatten eben toll zusammen gespielt und konnten nicht verstehen, was mich daran störte. Und so untersagte ich ihnen das Spiel mit den Waffen im Kindergarten. Punkt. Klingt einfach, hat aber auch nicht geklappt.

Gefühlt jedes Stöckchen aus dem Wald, die Banane am Jausetisch, die gestreckten Zeige- und Mittelfinger und sogar Kartonreste wurden zu Pistolen, Schwertern oder Gewehren. 
Denn die Bilder in meinem Kopf sind eben meine Bilder. Und die Kinder gaben sich grosse Mühe, wollten mir zuliebe so sehr nicht mehr mit Waffen spielen und doch kam 007 irgendwie immer wieder ums Eck geschlichen…
Wenn also die Jungs mit einem Stöckchen Pistole spielten und ich an sie herantrat, sagten sie charmant und mich beruhigend: “Guck mal, n Akkubohrer… brrrrrrrr.” Und alle nickten wie die Wackeldackel. Dagegen kann man ja nichts sagen, denn Akkubohrer sind top! Oder, als sie bemerkten, wie ich sie beim Spielen mit den zum Gewehr zusammengesteckten Wäscheklammern beobachtete, sagten sie verschmitzt: “Schau, ein Haarföhn, extra für dich!” Und dann hab ich aus tiefstem Herzen gelacht. Gelacht ob der Kreativität und Gewitztheit und ob meiner Naivität. Und dann entschied ich mich, mich mit weisser, wehender Flagge zu ergeben und statt meine Ablehnung zu pflegen meine Vorstellungen und Bilder zu überdenken und einen Umgang damit zu finden. Widerstand zwecklos.

Räuber Hotzenplotz hat sieben Messer und seine Pfefferpistole, ein Indianer kommt mit Pfeil und Bogen daher, ein Cowboy hat eine Pistole bei sich und Michel aus Lönneberga liebt sein Gewehr. Genau. So. Ist. Es. 

Dann haben wir Regeln (immer wieder Regeln) ausgehandelt:

– Kämpfen nur mit selbstgemachten Waffen (kein gekaufter Plasitkschaass) oder Stöcken aus dem Wald. Und ja, sie durften sich an der Werkbank im Kindergarten eine Waffe (Pistole, Gewehr, Schwert, Messer) zimmern. Gleiche Chancen für alle.
– Nur mit den Kindern kämpfen, die beim Spiel mitmachen (nicht zielen auf andere Menschen und auch nicht auf Tiere).
– Sobald es ein Kind mit der Angst zu tun bekommt, ist der Kampf zu Ende.
– Beim Kämpfen gilt die Bauch-Beine-Po Regel (eine geniale Beschreibung der “Zielpunkte” meiner lieben Freundin Carmela). Es wird weder mit der Pistole noch sonst einer Waffengattung im Gesicht rumgefuchtelt.
– Keine zerstörerische Gewalt, heisst: es darf niemand verletzt werden und nichts darf mutwillig kaputt gehen.
– Wer die Regeln nicht einhält, gibt seine Waffe ins Waffenlager ab. Aber sicher.
Die Kinder waren zufrieden, sehr kooperativ und voller Freude, sich eine Waffe zu zimmern. Sie standen stundenlang an der Werkbank, geduldig sägten sie Holz, schliffen die Kanten, tüftelten, zeichneten Pläne auf Papier, diskutierten und halfen einander.

Das Anfertigen alleine fordert und fördert die Phantasie, die Feinmotorik, Geschicklichkeit, Durchhaltewillen, Teamgeist, Geduld und Experimentierfreude. Nur so, um auch mal die positiven Seiten der Waffenherstellung zu erläutern… 

Dann spielten sie Ritter, Indianer und zogen zusammen als Räuberbande los. Sie besiegten die fiesesten Ungeheuer und schrecklichsten Halunken. Sie fochten, schlichen sich an, zielten mit der Pfefferpistole und PENG! Gut gegen Böse. Und sie fühlten sich stark und mutig und selbstbewusst, mit ihren zusammengestiefelten Flinten und Messer. Selbst ängstliche Kinder konnten, mit einem Stöckchen in der Hand, mutige Kämpfer sein, die sich trauten, es mit dem schlimmsten Schuft aufzunehmen. Mutig blickten sie der Angst ins Gesicht.
Natürlich habe ich die Spiele beobachtet und begleitet, und manchmal musste ich schlichten und helfen, das Spiel neu aufzugleisen… Wenn ich nicht zwischenzeitlich ausgeraubt wurde. Sie spielten und es war ihnen allen klar, dass wenn die Spielzeit aus ist, die Waffen ins Waffenlager verräumt werden und die Kämpfe zu Ende sind. Und ich spürte weder mehr Aggressivität noch Unruhe oder gewalttätige Energie. Es war ausgespielt. Dann kamen auch wieder Zeiten, in denen die Räuberbande Bilderbücher anschaute oder in der Puppenecke Mittagessen kochte. Die Cowboys bauten sich eine Eisenbahn durch den Kindergarten, und die Indianer plastizierten sich aus Ton einen Berg bis unter die Zimmerdecke. 
Ausprobiert. Voll lässig war’s. Und gut ist. 

Nun, seit sechs Jahren bin ich Mama eines Jungen, und glaubt mir, das Ding mit den Waffen habe ich ihm bestimmt nicht auf die Nase gebunden. Im Sommer haben wir Wasser jeweils aus diesen süssen Wassertierchen gespritzt, weil ich  keine Pistole kaufen wollte. 
Aber dann waren wir mal für ein Wochenende in einer wunderhübschen Airbnb- Wohnung… Und da gab es ein Kinderzimmer, in dem normalerweise zwei Jungs hausen. Puhuhu, da lagen Schätze rum… Dem Grossen sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen. Nerf-Pistolen mit unendlich viel Munition, Plastikschwerter mit Totenköpfen, Cowboypistolen, für jeden Finger eine. PARADIESISCH! Fasziniert nahm unser Kind eine Pistole nach der anderen in die Hand und konnte sein Riesenglück kaum fassen. Ein Wochenende lang schwelgte er im Helden-Waffenparadies, und als wir wieder nach Hause kamen, wurde gleich aufgerüstet. Unsere Werkbank ist Produktionsstätte unzähliger Waffen, vom Schwert zur Pistole, vom Gewehr zur Armbrust (Wilhelm Tell, eben) und wieder zurück zum Pfeilbogen. Alles da. Und kaum konnte die Kleine sprechen, ging auch sie mit dem Säbel in der Wohnung umher und behauptete mit fiesem Blick, sie sei Räuber Hotzenplotz mit “Stoole” (Pistole). 

Ich will es nicht verherrlichen, ich mag es viel, viel lieber, wenn die Kinder Hütten bauen, als Hasen und Eichhörnchen durch den “Wald” springen und Abenteuer erleben. Aber das eine schliesst das andere nicht aus, es ist nun mal nicht jeder Tag ein Eichhörnchentag. Manchmal ist halt eher Räuberhöhle und dann, finde ich, soll das Kind wissen, dass das auch ok ist. Ich glaube, dass alles, was interessant ist und unterbunden wird, sich zu etwas noch viel Spannenderem aufbauscht. Auch wenn ich das Herumhantieren mit den Waffen manchmal anstrengend finde, gehört es doch irgendwie dazu, und bin ich froh, dass ich die Kinder beim Spiel mit den Waffen begleiten kann. Das ist eben nur dann möglich, wenn ich es erlaube und sie nicht hinter meinem Rücken oder im Geheimen fechten und schiessen. 

Ich habe sogar das Glück, dass ich meistens zu den Guten gehöre. Immerhin.

Irgendwo habe ich mal von einer Mutter gelesen, die erzählte, dass ihre drei kleinen Jungs nie ohne Waffen durch die Gegend gezogen seien. Jahre später waren alle drei Wehrdienstverweigerer… Gut. Dann entspanne ich mich mal, im Land der sieben Messer und dem Gewehr. 

Es ist eben manchmal, wie es ist. Und wenn wir liebevoll in Verbindung sind, ist alles gut. Ich wünsche euch und euren Liebsten eine feine, friedliche Zeit. Herzlich, Sandra 

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