HINAUS IN EINE NEUE WELT // WENN DIE SCHULE WIEDER OFFEN IST

Ich habe in den vergangenen Wochen kein einziges Buch gelesen. Ich hab weder geyogt noch bin ich gejoggt, hab keine Wände neu gestrichen, geschweige denn auch nur einen Moment über ein Makeover meiner selbst nachgedacht. Die Kresse im Kresseigel ist kläglich verdorrt und die Fotobücher der vergangenen fünf Jahre, die ich ganz unbedingt machen wollte, sind noch immer nur Hirngespinste. Nicht mal mein ambitioniertes Sauerteigprojekt ist zustande gekommen… Der Schimmel war im Glas, bevor das Brot im Ofen war. 

Manchmal, wenn es anstrengend war, sind meine Gedanken auf Reisen gegangen und haben sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn die Schule wieder öffnet. Was ich dann alles machen und erledigen würde, federleicht und zacki-zacki. 

Und dann war plötzlich Sonntagabend. Der Sonntagabend, vor DEM Montagmorgen, an dem die Schule wieder aufging. Die Sonntagabendstimmung, in der wir immer noch rumdüsen, das eine und andere bereitlegen und darüber reden, was in den nächsten Tagen alles los sein wird, holte mich nach vielen Wochen wieder ein. Und während wir wuselten, hörte ich mich doch tatsächlich sagen: “Ach kommt Kinder, das schaffen wir. Das wird gut. Und es ist ja nicht lange. Bald ist Sommerpause.”
Erschreckt über meine Worte guckte ich meine zwei Liebsten an, die mich fragend und etwas irritiert anblinzelten. “Das wird ganz super”, gab ich dazu, als könnte ich damit das Dahingesagte etwas entschärfen.
Zugegeben, Übergänge sind nicht für alle gleich simpel in der Handhabung, vor allem nicht für mich.

Kurz bevor der Grosse das Haus verliess, die Schultasche am Rücken, den Schalk im Nacken und die Freude im ganzen Gesicht, fragte er spitzbübisch: “Was machst du eigentlich heute, Mama, wenn wir nicht da sind?” Ich guckte meinen Grossen an und sagte: “Also erstmal mach ich Morgenkreis, spiele Kanon auf der Blockflöte und übe dann den Kuckuck pfeifen.” 
Prustend vor lachen zog er los, der Grosse, hinaus in die Welt.

Zurück blieb ich und ein Berg mehr oder weniger geschickt gestapelter, tausendundeins Dingens auf meinem Pult, eine schier endlose To-Do-Liste, so alt, dass sich manches von alleine erledigt hatte, und ein einsamer Schülertisch, auf dem drei Blockflöten lagen, wartend auf die morgendlichen schiefen Töne. Jetzt oder nie. Aber statt endlich tüchtig aufzuarbeiten (mal so federleicht, wie in meinen Gedanken), was liegengeblieben war, sass ich da, in dieser Stille, die mir einen Platz anbot, um inne zu halten und zu spüren.
Es fühlte sich nicht gut an, die Kinder gehen zu lassen, mit der Maske im Ranzen, Abstand haltend, gestaffelt und desinfiziert, und ich hätte mir gewünscht, es wäre doch endlich wieder wie vor Corona. Frei und uneingeschränkt, einfach und leicht. 
Dennoch war ich erleichtert, darüber, dass die Kinder wieder beisammen sein können, glücklich, dass sie, trotz all der wichtigen Vorsichtsmassnahmen, doch immer Kinder sein werden, die zusammen lachen und raufen, sich super Zeug ausdenken, voneinander lernen und sich gegenseitig inspirieren. Und die aus Corona und all den Interventionen natürlich ein Spiel machen (kennt ihr das Virenfangis?). Um zu verstehen, um zu verarbeiten und gesund durch diese Zeit zu kommen. Vielleicht beginnt Resilienz auch genau so.
Zur Stille gesellte sich eine tiefe Dankbarkeit, für die Wärme unserer Verbundenheit der letzten Wochen, die Herzlichkeit, die Loyalität und die Stärke meiner Kinder, das Glück, die letzten zwei Monate gesund und meist lebenslustig verbracht zu haben. Und ich habe sie vermisst, meine Lütten in der Wohnzimmerschule. 

Dann machte ich mich auf, in Richtung dahin, wo mich meine Gedanken die letzten Wochen so oft hingetragen hatten: Tatkräftig an den überwucherten Pult, jetzt oder nie!
Oder vielleicht doch später? Ich hätte noch Roggenmehl und könnte einen Sauerteig ansetzen. Ein letzter Versuch, ich schwörs. Ich habe gehört, dass wenn man ihm gut zuredet, er sehr fein wird. Vielleicht hätte er auch ein Gaudi, wenn ich ihm mit der Blockflöte was vorspielen täte.  

Von Herzen wüsche ich euch und euren Liebsten einen gelungenen Start in die neue Welt. Und wie gesagt: Bald ist Sommerpause und jetzt ja schon wieder ein langes Wochenende.

Habts fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe, Sandra

10 thoughts on “HINAUS IN EINE NEUE WELT // WENN DIE SCHULE WIEDER OFFEN IST

  1. Liebe Sandra, mir ging es ganz gleich, das schwere Gefühl, ob sie sich wohl fühlen, alles so ganz anders. Aber ich hab mir umsonst Sorgen gemacht, der Kleine meinte, dass er nur im Stiegenhaus die Maske aufhatte und nicht mal zum Klo gehen “und Hände hab ich mir auch nicht gewaschen”. Yay, mein Kind halt 😉

    BTW Sauerteig hab ich gemacht UND sogar verbloggt und 8 Bücher gelesen, die waren aber teilweise so schlecht, dass ich es auch sein lassen hätte können.

    Glg Uli

    1. Liebe Uli, meine Kinder sind entspannt und glücklich nach Hause gekommen und finden es schön, dass Schule wieder stattfindet. Meine Sorgen waren so gar nicht nötig. Wegen Sauerteig: Dann muss ich mal auf deinem Blog schauen wegen dem Rezept. Hab ja auch rumgegoogelt, dem Teufel ein Ohr ab. Hat alles nix genutzt.
      Liebe Umarmung zu dir! Und habts gut!

    1. Liebe Annette
      NATÜRLICH mache ich das nur im Geheimen. Aber wenns klappt, mit dem Sauerteig und dem Gedudel, dann geh ich voll auf YouTube damit!
      Liebste Grüsse zu dir.
      Sandra

  2. Ui, den einen Tag diese Woche, an der wirklich alle ausgeflogen waren (die Mittlere hat wieder voll Schule, die große diese Woche nur 1 Tag, ab nächster dann 2, der Mann als Waldorflehrer diese Woche 2, dann 4 Präsenztage) bis auf mich und die Jüngste, der war irgendwie hart. Ich habe die letzten zwei Monate, dieses enge Beisammensein sehr genossen. Es war bei uns auch nicht ganz eng, weil draußen viel Platz und eine Hofgemeinschaft sind, aber wir haben uns eben als Familie soviel gesehen, wie sonst nie. Erweiterte Elternzeit für den Mann und alle meist sehr entspannt. Jetzt also wieder Schule, aber wie schön, in Raten. Und es paßt für alle. Die Zweitklässlerin ärgert sich, daß morgen Feiertag ist, sie hat sich enorm gefreut auf die Schule. Die 7Klässlerin wär lieber noch daheim geblieben, aber das bleibt sie ja auch die meiste Zeit. Der Mann freut sich, daß er nicht mehr nur online unterrichten muß. Und ich muß nicht mehr jeden Tag für 5 Leute kochen, aber trotzdem bleibt mehr Zeit füreinander als sonst. Ja, ich hoffe auch, daß die Kinder die Zeit in der Schule gut überstehen, aber das schaffen sie sicher. Es war eine wertvolle Zeit für uns, auch wenn wenig “Zeit” blieb für einen selbst. Die mußte eben einfach anders definiert werden. Gelesen habe ich aber viel, immer wenn ich die Jüngste gebettet habe, also zweimal am Tag mindestens, meine Lesepause 😉
    Und meine große Empfehlung aus dieser Zeit: “Glenkill” und “Garou” von Leonie Swann. So besonders und so toll!
    Lieber Gruß und viel Freude beim Abhaken der ToDos!
    dörte

    1. Liebe Dörte, das Buch habe ich mir gleich gemerkt (schwups auf die To-Do Liste geschrieben : ))! Vielen Dank für deine Worte und den Tipp.
      Wir hatten eine gute, wenn auch kurze, erste Schulwoche und es hat mir gut getan, zu sehen, wie “normal” der neue Alltag für die Kinder ist und wie beflügelt und glücklich sie von der Schule zurückkehren.
      Schön, dass ihr eure gemeinsame Zeit so geniessen konntet. Ich fände es ganz wunderbar, wenn viele Familien und Kinder diese Zuhausezeit (trotz allem) als kostbaren Schatz in sich tragen könnten. So, wie ein goldener Seelenwärmer.
      Ich sende liebste Grüsse zu euch und wünsche eine sonnige Woche.
      Alles Liebe, Sandra

  3. Liebe Sandra!
    Deine Gedanken zum Wiedereinstieg in den Schulalltag berühren mich.
    Der Kommentar meiner Tochter:“Mama- im Hort ist alles wie immer“, hat mir viel Ruhe gegeben so als Kontrast zum massnahmengeschneiderten Schulalltag.(sie besucht nach dem Unterricht einen elternverwalteten Hort).

    Gerne lese ich deinen Blog- Kasia hat ihn mir empfohlen, unsere Kinder besuchen denselben Kindergarten. Ich mag dir ein großes Danke schicken für deine Inspirationen.
    Judith

    1. Liebe Judith
      Vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, dass du hierher gefunden hast.
      Bei meinem Sohn wars ganz ähnlich wie bei deiner Tochter. Nach den ersten Schultagen war alles “wie immer” (ausser natürlich, dass die Klasse getrennt unterrichtet wird und sich daher nicht alle Freunde sehen können). Und nebst all den spannenden Begebenheiten im Schulalltag und der grossen Freude war dann auch die Schimpferei über die “voll blöden” Hausübungen wieder da… Eben; alles wie immer. Also alles gut – auch für mich.
      Ich wünsche euch einen guten Wochenstart und grüsse dich lieb.
      Sandra

    1. Liebe Iris
      Herzlichen Dank für deine lieben, (ebenfalls) herzerwärmenden Worte. Ich freue mich sehr darüber.
      Liebste Grüsse aus Wien
      Sandra

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