WIE SIEHST DU DENN AUS? // NACKTE TATSACHEN // BÜCHER SIND LEBENSMITTEL

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“Ich hab leider keine Badehose mit”, sagte ich, und dachte, das Thema sei hiermit erledigt. Ich war auf einer Reise durch Südkorea, meine Freundin Su führte mich durch ihr Heimatland und wollte mir unbedingt dieses tolle Thermalbad zeigen. Ich bin ja nicht so die Bädertante; Fusspilz, Warzen, Trallala (mir sträuben sich die Nackenhaare), ihr wisst schon, da kam mir die vergessene Badehose gerade recht. Aber grad als ich dachte, die Sache sei somit vom Tisch, sagte Su grinsend: “Brauchst du eh nicht, die Badehose.”

Noch weniger als Schwimmbad mag ich nackig sein im Schwimmbad. Frauenbad hin oder her, ich mag es nicht! Wie ein geschlagener Hund schlich ich ins Bad, redete mir ein, dass mich hier, am Arsch der Welt, eh niemand kennt und dass ich es eventuell als Erfahrung “spannender Teil dieser Kultur” abbuchen könnte. Meine Motivation war unter Null, und schliesslich stand ich da, wie ein nackiges, sehr bleiches Croissant. 

Im Bad wuselte es von Frauen und Mädchen. Dutzende wuschen sich, badeten, quatschten dabei, lachten, waren still, genossen das Wasser auf der Haut und liessen es sich, ihren Seelen und ihren Körpern gut gehen. Zwei alte Mönchinnen machten Wadengüsse und lachten miteinander, eine Mutter schrubbte den Rücken ihrer grossen Tochter, kleine Mädchen sprangen um sie rum, eine Grossmutter hielt ihre Enkelin an der Hand und zog sie unter den Duschstrahl, und ein paar Frauen lagen im Wasser und diskutieren ausgelassen. Und mittendrin ich, das verklemmte Croissant in nix als Flipflops.
In einer natürlichen Selbstverständlichkeit trafen sich hier grosse, kleine, runde, dünne, alte, junge, behaarte, rasierte, kahle, faltige, sportliche, bleiche, dellige, von der Sonne geküsste, breite, knochige, kurzhaarige, schmale, allesamt glückliche Frauen, die alle das gleiche vorhatten: sich was Gutes tun. Alle so, wie sie waren: nackt, wunderschön, vollkommen und ganz bei sich. 

Da stand ich erleichtert und dachte, dass es eigentlich essenziell ist im Leben eines Mädchens und im Leben eines jeden Kindes, sehen zu dürfen, wie andere Menschen aussehen. Sehen zu dürfen, wie unterschiedlich jeder (weibliche) Körper sein kann und auch, wie sie sich im Laufe der Zeit eben verändern. Zu erleben, dass die Natürlichkeit dieses Schatzes tausende Facetten haben darf, respektiert und weder beurteilt noch gewertet wird, sondern einfach ist, und dass es eine Selbstverständlichkeit ist, dass jeder Mensch Platz findet in dieser Runde – das erstaunte und beeindruckte mich gleichermassen. 
Das Wissen, dass diese lebendige, vielseitige Realität nichts, gar nichts mit dem zu tun hat, was uns da draussen in der Photoshop-Welt vorgegaukelt wird, ist heilsam und nimmt so viel Druck. Der gegenseitige Respekt ist ein Geschenk, und eine glückliche Seele strahlt durch die Hülle durch. Besonders gut zu beobachten am Ort der eisig kalten Wadengüsse.
Der Besuch im Thermalbad, ohne Badehose, blieb für mich unvergessen.

“Wie siehts du denn aus?” Das fragen sich Sonja Eismann und Amelie Persson und haben im Beltz & Gelberg Verlag ein wunderbares Sachbuch herausgebracht.
“Warum es normal nicht gibt.” Ein Bilder- und Lesebuch mit tollen Illustrationen und spannenden, informativen und vor allem wohlwollenden Texten rund um das Wunder des menschlichen Körpers. Von abstehenden Ohren, dem perfekten Busen, dem knubbeligsten-Knie-Kontest, unseren Armen, die für Herzlichkeit stehen, darüber, wie man einen Penis gut einpackt, in welchen Ländern grosse Frauenfüsse beliebt sind, und warum der Bauchnabel eine so grosse symbolische Bedeutung hat.
Viele Bilder und Geschichten über Hintern, Hände, Haare und alles andere, was uns ausmacht. Hier darf man gucken und staunen und wird nebenbei herzlich eingeladen, seinen Körper voll und ganz zu mögen.

Empfohlen wir das Buch für Kinder ab 10 Jahren. 
Ich danke dem Beltz Verlag für das Rezensionsexemplar, ich liebe dieses Buch!


Ich habe das Buch zum Anlass genommen, mit den Kindern Selbstportraits zu malen. Wir haben uns selber im Spiegel und gegenseitig betrachtet, die allerkleinste Wimper bestaunt und bisher unbemerkte Sommersprossen entdeckt. Wir haben Farben gemischt und gemerkt, wie unglaublich schwierig es ist, überhaupt Ansatzweise an seine eigene Hautfarbe heranzukommen… Ein bisschen haben wir darüber geklöhnt, wie ungünstig Locken zu malen sind, haben über Unterschiede und Gleichheiten diskutiert, waren ganz lange still und konzentriert und haben schliesslich herausgefunden, dass die Bilder toll geworden sind, aber dass es ganz schön schwierig ist, sich so schön und vollkommen zu Papier zu bringen, wie man im richtigen Leben tatsächlich ist. 

“Niemand braucht sich dafür zu schämen, wie er oder sie aussieht oder eben nicht aussieht. Vielmehr sollten wir über die Unglaublichkeiten und Wandlungsfähigkeiten unserer Körper staunen – und zwar nicht so, dass wir andere herablassend fragen: “Wie siehst du denn aus?”, sondern so, dass wie uns dran erfreuen, was unsere Körper alles können. Und wie faszinierend unterschiedlich sie dabei aussehen!”

Von Herzen wünsche ich euch und euren Liebsten ein inniges und gemütliches Oktoberwochenende. Hier beginnen heute die Herbstferien und die Kinder sind ganz und gar beschwingt.

Habts fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe, Sandra

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7 thoughts on “WIE SIEHST DU DENN AUS? // NACKTE TATSACHEN // BÜCHER SIND LEBENSMITTEL

  1. Hallo!
    Das ist wieder mal ein sehr schöner Beitrag.
    Unser Körper leistet so viel und wird oft nur nach dem Aussehen beurteilt…
    Aus beruflichen Gründen finde ich es wichtig, ein bisschen auf Ernährung und Fitness zu achten. Aber genauso wichtig finde ich es, sich frei zu machen von Schönheitsstandards und zu hohen Erwartungen.
    Wenn wir unseren Kindern vermitteln können, dass jeder anders ist und sich auch verändert, dann lernen wir hoffentlich gleich mit!

    Ich wünsche euch schöne Herbstferien! Unsere beginnen in 3 Wochen….
    LG aus Wien!

  2. Das Buch ist mir letztens in der Buchhandlung ins Auge gesprungen und hat mich fasziniert. Ich habe es schlussendlich nicht mitgenommen, da lag schon zuviel anderes in meinem Korb – aber nun, nach deiner Geschichte, hat das Buch einen fixen Platz auf meiner Shortlist ergattert!
    Danke und alles Liebe vom Mädel!

  3. Ich finde nackig sein super, deswegen liebe ich auch Sauna. Weil nackig sind wir alle gleich, ohne Wertung, wer was anhat. Ich finde schon, dass man etwas auf seinen Körper achten soll, aber mehr im Sinne gesunde Ernährung und Bewegung – dass er eben gut funktioniert – dieses Nacheifern von Schönheitsidealen ist nicht meines… zu faul und zu selbstverliebt 😉 glg Uli

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