WENN ICH IN DIE SCHULE GEH, SIEHST DU WAS, WAS ICH NICHT SEH // BÜCHER SIND LEBENSMITTEL

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Ich weiss nicht mehr, wer von uns zweien damals die seltsamen Bewegungen der langen Grashalme mitten in der Wiese zuerst entdeckt hatte. Später haben wir uns darüber gestritten, weil sie meinte, sie wäre die erste gewesen, ich mir aber ganz sicher war, dass ich es war…

Als Kind ging ich meinen Kindergarten- und Schulweg immer alleine, das heisst, mit Freundinnen und Freunden, aber sicher ohne Eltern. So war das einfach, damals aufm Dorf.
An diesem Morgen, vor vielen Jahren, war ich mit meiner Freundin Pasci unterwegs, als wir in der Wiese ein kleines süsses Tier fanden, eines, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Klar schlichen wir durch das Gras und versuchten, das flauschige Kerlchen einzufangen. Und als das endlich gelang, steckten wir es in Pascis Yakari-Fellmütze und trugen es glücklich aufgeregt in den Kindergarten.

Nach unserer (verspäteten) Ankunft im Kindergarten organisierte die Kindergärtnerin einen Hasenkäfig, und wir zwei Abenteurerinnen erfuhren, dass unser Fellbündel ein Streifenhörnchen war, sehr süss, aber höchstwahrscheinlich ausgebüxt.
So verbrachten wir Kindergartenkinder den aufregenden Tag damit, Bilder vom Tier zu zeichnen, die dann von der Kindergärtnerin beschriftet wurden mit: „Streifenhörnchen gefunden, bitte im Kindergarten abholen“, und von uns Kindern im Dorf aufgehängt wurden. 

Während ihr das lest, erinnert ihr euch bestimmt an die eine oder andere Schulwegs-Geschichte. An schöne Geschichten, vielleicht an traurige Erlebnisse, unheimliche Momente, lustige Augenblicke und unvergessliche Abenteuer. Man erlebt tausend Dinge, wenn man auf den Weg geht. Wenn man hinaus gehen darf, in seinem Tempo, wenn genug Zeit zum Gucken und Quatschen, zum Blödeln und Trödeln, Lachen und Springen, zum Entdecken und Verstecken, zum Necken und Flüstern, zum Staunen und Sein bleibt.

Und ohne uns Erwachsene, da bin ich überzeugt, erleben unsere Kinder noch viel spannendere Geschichten.
Weil ich glaube, dass Momente, die ganz in kindlicher Obhut bleiben dürfen, Türen öffnen für phantastische Ereignisse. Der Blickwinkel unserer Kinder, ihre Entdeckerlust, ihr ganz eigenes Zeitempfinden, die lebendige Phantasie und die Gabe, intensiv einzutauchen und Momente ganzheitlich zu erleben, sind einmalig und kostbar. Wie das gemeinsame Spiel unter ihresgleichen, ein Zauber, dem wir Erwachsenen (Grosseltern ausgenommen) eben oft schon entwachsen sind. 

Von Kindern, die zusammen auf den Schulweg gehen, hat Julie Völk ein wunderbares Bilderbuch gezeichnet. „Wenn ich in die Schule geh, siehst du was, was ich nicht seh“. Das Buch ist im Gerstenberg Verlag erschienen und kommt ganz ohne Worte aus.

Auf den Bildern kann man seine Augen auf Wanderschaft schicken und, zusammen mit den Kindern aus dem Buch, auf Entdeckungsreise gehen. Durch Wäldchen und über Wiesen entlang des Baches bis in die Stadt gehen zwei Geschwisterkinder von einem Haus zum nächsten und holen auf ihrem Weg in die Schule Freundinnen und Freunde ab. Dabei zeigt Juli Völk Einblicke in die verschiedenen Zuhause und erzählt mit ihren Bildern liebevoll Geschichten unterschiedlicher Familien und Lebensformen. Was alle gemeinsam haben: Die Kinder gehen ohne Erwachsene los, und je näher die Schule, desto mehr Kinder schliessen sich an. Sie spielen und lachen, begegnen verschiedenen Menschen und Tieren und sitzen irgendwann alle gemeinsam neugierig im Schulzimmer. 

Wenn man sie dann sieht, in ihren Schulbänken sitzend, glücklich und erfüllt von all dem Erlebten, gespannt und bereit, auf das was kommt, bekommt man Lust, sich dazu zu setzen und Teil der Geschichte zu sein. Meine Tochter hat gleich gesehen: Ein Stuhl wäre noch frei!

Ein zauberhaftes Bilderbuch für Schul- und Kindergartenkinder und für alle, die gerne mit Kindern zusammen sind.

Nochmals zurück zum Streifenhörnchen… Die Geschichte nahm ein gutes Ende: Das ausgebüxte Streifenhörnchen wurde nämlich abgeholt und sicher nach Hause gebracht. Pasci und ich waren natürlich traurig. Gerne hätten wir es für uns behalten und in der Mütze hausen lassen. Aber gut, so mussten wir halt die Augen offen halten für ein neues Abenteuer, das eh schon zwischen den Grashalmen, unter Steinen und im kleinen Bach wartete.

Ich wünsche euch und euren Kindern viel Freude und allerlei Spannendes auf dem Weg – und dass wir uns immer wieder daran freuen, wenn wir die Welt durch die Augen der Kinder zu sehen bekommen. Dann siehst du was, was ich nicht seh!

Habt’s fein und schön und wunderbar. 
Kommt gut in die neue Woche.
Alles Liebe, Sandra

Ich danke dem Gerstenberg Verlag für das Rezensionsexemplar.

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