GASTFREUNDSCHAFT

 

Willkommen zu sein ist wohl eines der schönsten Gefühle überhaupt. Ich glaube sogar, dass jeder Mensch zur Welt kommt mit einem Herzen der Gastfreundschaft. Was aber, wenn sie hin und wieder verloren geht?


Wir waren eingeladen, zu Kaffee und Kuchen: Mamas und Papas quatschen, Kinder spielen zusammen, voilá. Wir wollten gemeinsamen einen feinen, gemütlichen Sonntagnachmittag verbringen. So war’s zumindest angedacht.
Wir kannten die Familie, bei der wir eingeladen waren, und all die anderen Familien, die auch dabei waren, nur flüchtig, und so haben wir uns locker flockig rein ins Kuchen-Spielparadies plumpsen lassen… Kuchen war lecker. Aber schnell stellte sich heraus, dass die Stimmung im Kinderzimmer am Nullpunkt war.
Der Junge mit dem Heimvorteil wollte nämlich seine Sachen nicht mit allen teilen. Fast alle durften mitspielen, nur ein geladener Junge nicht. Der durfte noch nicht mal was anfassen… Und warum nicht? Wegen einfach! Ok, kann passieren, finde ich. Seine Sachen mit Fremden zu teilen und miteinander zu spielen, erfordert tatsächlich ein hohes Mass an Kompetenz. ABER, einem sechs Jahre alten Jungen darf man zumuten, einen Nachmittag lang einige seiner Sachen anderen Kindern abzugeben. 

Niemand der beteiligten Erwachsenen sagte was dazu. Ja, man soll Kinder mal machen lassen, denn sie sind meist ganz gut darin, sich zurecht zu finden und sich was auszutüfteln.

Irgendwann aber schlich unser Grosser um mich herum. Seine Seelenlage hielt das Klima im Spielparadies schlecht aus. Er fühlte sich nicht wohl, fand es nicht schön, und er wollte nach Hause. Ich nahm ihn bei der Hand, und zusammen gingen wir ins Kinderzimmer.

Früher oder später kommt der Moment, an dem Unterstützung und Begleitung eines Erwachsenen gefragt ist. Jemand, der seinen Kaffee auf den Tisch stellt, hingeht, da ist und guckt, vermittelt und vielleicht auch mal erwähnt, wie schön es ist, miteinander zu spielen. 
Für jeden ist dieser Moment des Handlungsbedarfes woanders, für die Mutter des Häuptlings schien der Augenblick noch nicht gekommen zu sein, sie war beschäftigt mit den erwachsenen Gästen. Und Thema Kunst… 

Gut, ich ging ins Zimmer und spielte mit meinem Grossen in einer Ecke Lego. Wir beide kiebitzten immer wieder zu den zwei Burschen. Und da war es, das Gepiesake des Platzhirschen. Gerade, als ich mich einmischte mit “Hey, lasst uns alle zusammen was mit den Legos bauen”, schritt der Gastgeberpapa zur Tat und versuchte, sein Kind umzustimmen. “Lass die anderen mitspielen, das ist sonst nicht schön, und sei ein bisschen freundlich zu deinen “Freunden”…”. Sein Sohn aber liess nicht mit sich reden und spielte sich auf, in seinem Reich. So verliess der Papa achselzuckend das Kinderzimmer und ging zurück zu Kaffee, Kuchen und Kunst. Das war’s.

Lange noch haben wir über diesen Nachmittag gesprochen. Es war unseren Kindern unheimlich, und der Grosse musste noch ganz lange immer wieder davon sprechen. Nein, willkommen fühlte er sich nicht, auch wenn er ein paar Legos zum Spielen benutzen durfte.

Wir haben glücklicherweise viel Besuch. Und obwohl unsere Kinder manche Gäste vorher nicht kennen, sind sie doch immer sehr gespannt und freuen sich auf sie. Wir reden darüber, wer alles kommen wird, stellen Blumen auf und decken zusammen den Tisch. Immer richten wir was Leckeres her, das wir dann gemeinsam essen. Weil es einfach schön ist und Freude bereitet und weil wir unsere Gäste von Herzen willkommen heissen. Wenn Kinder dabei sind, überlegen wir, welche Spielsachen interessant wären, ob genug Holz für die Werkbank da ist, für den Fall… und wir räumen das Zimmer ein bisschen auf.

Gastfreundlich zu sein, kann man niemandem auferlegen. Gastfreundschaft wächst wohl im Herzen, jedes Mal ein Stück, wenn man jemandem die Türe öffnet und sich freut. 

Und auch jedes Mal beim gemeinsamen Vorbereiten, bei der gemeinsamen Vorfreude, wenn man sich gemeinsam einstellt auf jemand anders. Ich bin sicher, dass dieses Geschlossene, Verbindende viel Vertrauen und Freude schafft, so dass es vielleicht einfach wird, seine Sachen für einen Moment mit jemandem zu teilen.

Vor ein paar Tagen waren Freunde meines Mannes in Wien und haben uns mit ihren zwei Töchtern besucht. Die Mädchen sind schon etwas älter als unsere Kinder. Der Grosse hat den zweien sein Zimmer gezeigt und stolz seine Playmobil vorgeführt. Als er bemerkte, dass die Mädchen seine Sachen zwar toll fanden, aber nicht den Anschein machten, als wollten sie damit spielen, holte er die Holzeisenbahn hervor. Auch da: toll, aber er spürte, das Interesse war so la la. Dann zog er ein Buch nach dem anderen aus dem Regal, bis die Mädchen sich für eins entscheiden konnten. Und nach einer Weile war es ruhig im Zimmer. Nicht immer ein gutes Zeichen, klar, aber in diesem Fall war’s rührend: Da sassen vier Kinder, die sich nicht gekannt hatten, zusammengepfercht auf dem Sitzsack und lauschten aufmerksam, wie die Älteste eine Geschichte vorlas. ALLE GEMEINSAM. HERZLICH WILLKOMMEN… Und mein Herz ging auf.

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