TSCHÜSI KINDERGARTEN – HALLO SCHULE // VIEL DANKBARKEIT UND BISSL WEHMUT

Nach 7 Jahren Kindergartenzeit wird in diesem Sommer der Chindsgibändel endgültig an den Nagel gehängt. Wir haben’s ja noch bissl rausgezögert, diesen Schritt, aber in zwei Wochen ist es soweit: dann werde ich keine Kindergarten-Mama mehr sein.

“Jedem Anfang liegt ein Zauber inne”
Hermann Hesse

Genau. Vor dem Zauber aber kommt für mich der Abschied von einer wunderbar magischen Zeit. Einer Zeit, in der die Kinder Kinder sein dürfen, hinaus gehen, um zu spielen und zu spielen und zu spielen. Eine Zeit, die frei, leicht und geborgen ist, fern von Bewertung, Druck oder Verpflichtungen. Wehmütig bin ich, auch wenn ich mir vornehme, den Fokus auf die Dankbarkeit und die Freude zu legen.

Wien vor ein paar Jahren:
Noch immer sehe ich drei pitschnasse Kindergartenburschen vor mir. Einer davon war mein Kind. Sie hatten die tolle Idee, nach Kindergartenschluss auf die kleine Mauer zu klettern und von da, voll Karacho, in eine tiefe Pfütze zu springen. Nass und gatschig bis auf die Haut scheuchten wir Mamas die jauchzenden Kinder zurück in die Garderobe des Kindergartens, mit der Bitte, sie sollen ihr Ersatzgewand anziehen und die nassen Sachen dann wieder mitbringen. Selbständig.

Wir Mütter warteten, und als die Burschen einfach nicht wieder zurückkamen, ging ich hinauf in den Kindergarten, um nachzusehen. Da waren sie, die drei gutgelaunten Pfützenspinger, fein frisch und trocken angezogen und die Kindergärtnerin, die eigentlich längst Feierabend hatte, stand da, plauderte, assistierte, sammelte die nassen Sachen auf, verstaute sie in Platikbeutel und suchte nach trockenen Socken, die 1. passten und 2. auch noch “schön” waren.

Der Kindergartenalltag wird tagtäglich gefüllt von tausend wunderbaren Geschichten, die meist von Frauen angeleitet und/oder begleitet werden. Eine dieser Geschichte erzählt eben davon, dass nach “Dienstschluss” drei nasse Mäuse zurück in die Garderobe kommen und man diese, ohne mit der Wimper zu zucken, selbstverständlich in Geborgenheit hüllt und unterstützt, obschon sie dies schon alleine könnten. 

Eine Kindergärtnerin ist nicht verantwortlich für nasse Kinder, wenn der Feierabend schon längst eingeläutet ist. Sie muss ein Kind nicht zudecken, das müde in der Puppenecke liegt und nicht mitmachen mag. Sie muss auch nicht zum Küchenschrank gehen und eine Maiswaffel und einen Apfelschnitz auf einen Teller legen, weil ein Kind die Jause vergessen hat. Sie muss nicht bemerken, dass ein Kind eine Mütze braucht, weil es ohne einfach viel zu kalt ist.
Im Lehrplan steht nicht, dass es essentiell sein kann, in den Augen der Kinder abzulesen, wie die Nacht war oder ob der Weg zum Kindergarten ein leichter war. Sie muss ein Kind, das Kummer hat, nicht in den Arm nehmen und auch keinen Freudentanz veranstalten, wenn ein Kind seinen ersten Zahn verloren hat.
Aber ganz viele Kindergärtnerinnen tun das und noch viel mehr. Tagtäglich, mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit. Weil die Kindergartenkinder nämlich IHRE Kinder sind. Und weil sie jedes einzelne warm, trocken, satt und fein wissen wollen.

Zu wissen, dass da draussen unsere Kinder in einer Gemeinschaft gehalten und innig betreut sind, achtsam begleitet und mit wohlwollenden Augen gesehen werden, war für mich als Mama wesentlich, um mein Kind vertrauensvoll ziehen zu lassen. Um diesen grossen Schritt zu wagen und es überhaupt “herzugeben”, in die Welt da draussen.  

Für uns steht nun die Schulhaustüre weit auf. Die Schule ist ein anderer Ort. Grösser, offener, vielleicht auch durchlässiger. Viele Kinder kommen zusammen, es wird spannend, wild und bestimmt sehr lustig werden. In den Pausen werden die Kleinen ihre Fühler ausstrecken, staunen, beobachten, coole und auch weniger coole Dinge hören und erleben. Ganz sicher werden neue Geschichten gestrickt.

Mein Kind ist mit jeder einzelnen Zelle bereit, diesen wunderschönen, lang erwarteten Schritt in die Schule zu wagen. Es ist voll gefüllt mit aufgeregter Freude und dieser unbändigen Lust, stolz hinauszugehen in diese Welt, die Schultasche am Rücken.

Heute Morgen in der Früh habe ich mein Kind geweckt. Blinzelnd streckte sie ihre langen Beine unter der Bettdecke vor. Ich strich über ihr Haar und flüsterte: “Guten Morgen. Heute ist turnen. Du, das letzte Mal turnen als Kindergartenkind”.
Während sich mein Kind nochmals wohlig einrollte, um Anlauf zu nehmen für den Tag, ging ich in Gedanken die nächsten zwei Wochen durch, in die so viele “letzte Male als Kindergartenkind” verpackt sind, dass ich am liebsten auch wieder unter die Decke geschlüpft wäre. 
Dann setzte sich mein Kind auf, schaute mich glückserfüllt aus ihren verschlafenen Augen an und sagte: “Bald werde ich zum allerersten Mal ein Schulkind sein.”

Das Leben mit Kindern ist wunderbar. Nicht nur, weil man “im Dschungel der letzen Male” ohne sie die ersten Male oft nicht sehen würde. Sondern weil sie uns mit ihrer Lebendigkeit, mit ihrer Lebensfreude, Neugierde und Milde immer wieder mitnehmen, in den Fluss des Lebens.
Nur wer vertrauensvoll und freudig in die Welt hinaus geht, kann den Zauber eines Neubeginns überhaupt erkennen. 

Liebe Kindergärtnerinnen. Danke für euer Lachen, für die getrockneten Tränen, für eure wohlwollenden Worte und die Umarmungen im richtigen Augenblick. Danke für’s verarzten der aufgeschlagenen Knie, die vielen Ideen und das geduldige Warten. Danke für die Freude und Gelassenheit und dass ihr noch rennt, auch wenn ihr eigentlich schon müde seid. Danke für das gedankliche Mittragen unserer Kinder, manchmal weit über die Kindergartenzeit hinaus, und danke für die trockenen Strümpfe, die bitte grün und auf keinen Fall blau sein sollen.
Nicht auszudenken, was wir ohne euch machen würden.

Auf gehts, in die nächsten Wochen voller wunderbaren ersten Male mit viel Zauber. 

Habt’s fein und schön und bitte bald sonnig.
Alles Liebe, Sandra

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7 thoughts on “TSCHÜSI KINDERGARTEN – HALLO SCHULE // VIEL DANKBARKEIT UND BISSL WEHMUT

  1. Vielen Dank für die Wertschätzung unserer „Arbeit“!! ( auch wenn es mein „Job“ ist, sehe ich nicht als Arbeit…you know, how i mean…) und euch als Familie einen schönen Übergang in die nächste Lebensphase !

    1. Liebe Yvonne, danke dir für deine Worte.
      Ein Kindergartenkind hat mir mal erzählt, dass seine Mama jeden Tag zur Arbeit muss. Dann guckte es mich an und fragte: Arbeitest du eigentlich auch etwas? Ich habe mich so gefreut, über dieses wunderbare Kompliment!
      Ich wünsche dir von Herzen ganz schöne Sommertage.
      Liebe Grüsse, Sandra

  2. Liebe Sandra, ein sehr schöner und rührender Text. Nun erzähle mir doch bitte mal was ein Chinsgibändel ist! Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia

    1. Liebe Lydia
      Haha, ja genau, der Chinsgibändel!
      In der Schweiz tragen die Kindergartenkinder, wenn sie auf dem Weg sind, diese leuchtenden Sicherheitsbändel über die Schultern. Bei uns sagt man dazu “Chindsgibändel”. Der Chindsgi ist hier der Kindergarten. Damit sind die Kinder noch sichtbarer, für Auto- und Radfahrer.
      Aber ich finde, es ist auch auch wichtiges Zeichen dafür, dass ein Kind, das auf dem Weg ist, erwartet wird: Entweder von der Kindergärtnerin, vom Hort oder von jemandem zu Hause.
      Tragen eure Kinder diese leuchtenden Westen?
      Liebste Regengrüssen in den Norden.
      Sandra

  3. Danke, liebe Sandra. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Die Chindsgibändel werden bei uns Leuchtwesten genannt und meist in der dunklen Jahreszeit getragen. Sie sind wie die Warnwesten im Auto, nur in Kindergröße. Und ich gebe dir recht, das warmherzige Empfangen am Morgen ist sooooo wichtig.
    Liebe Sonnengrüße aus dem hohen Norden
    Lydia

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