“BITTE KEINE WERBUNG” // WIR SIND MEHR

Geplättet stehe ich an unserem Briefkasten, ein Stapel kunterbuntes Werbematerial in meiner Hand. “Bitte keine Werbung” steht gleich unter dem Posteinwurf – den unübersehbaren Sticker hätt ich mir ans Ohr streichen können.

Als ich durch die vielen Papiere blättere, entdecke ich ein Spendenbrief nach dem anderen. Zeternd geh ich zurück ins Haus, werfe den Stapel ins Altpapier und referiere obergescheit über verpuffte Spendengelder in unmöglichen Werbesendungen und in die Bürokratie der Organisationen und darüber, dass es die Menschen mürb macht, ungewollt irgendwelche Weihnachtskarten mit Tierbaby-Motiven, olle Kullis oder weihnachtliche Aufkleber zu bekommen, im Wissen, dass ihre Spende letztlich auf dem Altpapier endet. Punkt.

Nach dem Abendessen kommt die Kleine mit einem Flyer in der Hand zu mir. “Was steht da, Mama”, will sie wissen und streckt mir ein Bild eines kleinen Kindes hin, das traurig von der Frontseite eines der Prospekte guckt, den sie aus dem Altpapier gefummelt hat.
“Da steht, dass man mit einer Spende einem Kind etwas zu essen kaufen kann.” Die Kleine kommt ganz nah und schaut das Bild lange an. Ich sehe, dass ihr Herz schwer wird und tausend Fragen auftauchen. “Aber hat dieses Kind denn keine Mama? Es kann doch zu uns kommen, wir haben Essen und Platz bei uns im Zimmer.” Der Grosse kommt dazu, schaut sich das Bild an und auch er findet, dass es noch Platz hat im Zimmer, es ist also gar kein Problem.
“Vielleicht”, sage ich, “vielleicht hat das Kind eine Mama, aber sie hat bestimmt auch nichts oder zu wenig zu essen.” “Dann sollen beide kommen.” Die Sache scheint geritzt, das war doch nicht so schwer, finden die Kinder.

An diesem Abend reden wir lange über dieses und andere Kinder und darüber, dass man leider nicht alle zu sich einladen kann, aber dass wir dennoch mithelfen können, damit ihr Leben einfacher und schöner wird und bleibt. 
Wir sprechen über die Organisationen, die wir seit Jahren unterstützen und auch darüber, weshalb wir uns für diese entschieden haben. Wir erzählen, dass es viele Organisationen mit verschiedensten Anliegen gibt und man sich aussuchen kann, welcher man helfen möchte. Aber wir reden auch darüber, dass es manchmal gar nicht schwer ist, zu helfen, weil Menschen im Umfeld, Familienmitglieder, Freundinnen und Freunde, Nachbarn oder Mitschülerinnen und Mitschüler Hilfe benötigen und wir sie entlasten und froh machen können, wenn wir für sie da sind. 

Unsere Kinder tauchen ganz ein in diesen kostbaren Moment, erzählen, hören zu und haben tausend Fragen. Manchmal ist es still, und man kann beinahe hören, wie die Gedanken durch ihre Köpfe flitzen. Und auch wenn so vieles unvorstellbar und komplex ist, so werden ihre Herzen doch ganz weich, im Wissen, dass jeder von uns dazu beitragen kann, hier und da ein bisschen Licht und Wärme in die Welt zu bringen. Das Reden darüber und die guten Gedanken, die man dabei in die Welt hinaus schickt, schenken Nähe und erweitern den Horizont. 

Es ist essenziell für die Kinder, sicher sein zu dürfen, dass wir Menschen uns dafür einsetzen, dass niemand allein gelassen oder vergessen wird. Es ist in ihrer Natur, und sie vertrauen darauf, dass wir füreinander da sind, acht geben und jeder von uns gesehen wird. Denn nur wo Menschlichkeit gelebt wird, wird es warm und schön und lebenswert für alle.

Wir haben uns entschieden, dass sich unsere Kinder je eine eigene Organisation aussuchen dürfen, für die wir gerne ein bisschen Licht spenden. “Wenn ihr für Menschen spendet, dann werde ich für die Natur, für den Regenwald spenden, schliesslich ist das für alle lebenswichtig”, meinte der Grosse. “Ich spende für d’Tierli (Tiere). Dann haben alle was, das ist doch gut”, sagte die Kleine, sehr zufrieden und sehr erleichtert. 

So hatte dieser Stapel Werbesendungen doch noch was Gutes: ein Abend mit tiefen, unvergesslichen Gesprächen über das Leben und ganz viel Nähe. UND, dank meines Liebsten weiss ich jetzt auch, dass Spendenaufrufe im Postkasten, statistisch gesehen, einiges an Spendengeldern generieren. Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann… immer mal wieder.

Ich wünsche euch von Herzen eine lichterfüllte Woche, voller Wärme und Zuversicht, guten Gesprächen und einem Reklamezusteller, der lesen kann.

Habts fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe
Sandra

PS: Trotzdem finde ich die Goodies in den Spendenaufrufen fürchterlich und auch unnötig… Ob man da vielleicht was machen könnte?

2 thoughts on ““BITTE KEINE WERBUNG” // WIR SIND MEHR

  1. Ach Sandra, es ist so schwer, den Kindern die Welt zu erklären – aber wie sagte Grönemeyer: Gebt den Kindern das Kommando – die Welt wäre viel, viel schöner. Ich halte es mit deinen Kindern und spende für den Regenwald, die Tiere und die Kinder.

    Über das, was von der Spende übrig bleibt, nach all der Bürokratie und der Werberei brauchen wir eh nicht diskutieren. Und ja, das Werbematerial ist grausam, sehr, sehr grausam.

    1. Liebste Uli
      Ja, so machen wir’s, und vielleicht fällt uns ja mal noch was ein, so bezüglich Werbematerial. Ein wunderschönes Wochenende euch allen und bis bald.
      Sandra

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