NOCH EINEN SCHRITT BIS ZUR PUBERTÄT // VORPUBERTÄT ODER RUBIKON TEIL 1

Eine Türe geht zu….

Er schloss die Tür hinter sich, und ich war so überrascht, dass ich sie gleich wieder öffnete, hineinlugte und vorsichtig fragte: “Ist alles gut bei dir?”
“Alles gut, ich möchte alleine sein,“ sagte mein Kind. Ich stand einen Augenblick verdattert und entzaubert in der Tür und schloss sie dann leise.
Das Bedürfnis nach Ruhe und alleine sein kann ich so wunderbar nachempfinden. Aber in unserer Wohnung gab es bis dahin keine geschlossenen Türen. Alles auf. Immer. Sogar die, die ich hin und wieder gerne auch nur für einen kurzen Augenblick hätte geschlossen haben wollen, gingen auf, sobald ich sie zugezogen hatte.
Aber nun schien eine neue Zeit anzubrechen. Mein Kind schloss seine Zimmertüre, und ich blieb draussen stehen.

“The nights are long, but the years are short“ 
Das Leben mit Kindern ist rasant. Wenn man Kinder auf ihrem Weg begleiten darf, ist man stets kleine und grosse Veränderungen, Entwicklungs- und Wachstumsschübe mit allem Drum und Dran gewohnt. Immer in Bewegung, bringen die Kinder uns zum Staunen; wir freuen uns für sie und unterstützen sie innig in ihrer Entwicklung. Wir sind da, auch wenn es vorkommen kann, dass uns gewisse Entwicklungsphasen als Eltern fordern oder verunsichern können. Manchmal sind wir heilfroh über einen Schritt, der abgeschlossen wurde, manchmal aber lassen uns Veränderungen auch ganz schön melancholisch zurück.
Viele der Schritte, die die Kinder in ihrem Leben machen, sind wichtige und grosse. Aber einer scheint mir besonders bestimmend, und dennoch wird er häufig nur wenig beachtet: Der Zeitraum zwischen Kindheit und Pubertät.

Willkommen im Rubikon! Hinter sich überblicken Sie die Zeit der frühen Kindheit, vor sich haben Sie einen Ausblick auf die Pubertät. Geniessen Sie Ihren Aufenthalt.

Ein besonderes Augenmerk auf das Seelenleben unserer Kinder kurz vor der Pubertät legt die Waldorfpädagogik. “Rubikon” nennen sie die Phase der Vorpubertät. So wird das dritte Schuljahr explizit so gestaltet, dass die Kinder in dieser besonderen Lebensphase unterstützt werden und auf ihre Bedürfnisse eingegangen werden kann.
Die Begrifflichkeit des Rubikon als Entwicklungsphase stammt von Rudolf Steiner und ist eine Metapher für den Schritt zwischen der frühen Kindheit und der Pubertät. Die innere Entwicklung des Seelenlebens des Kindes überschreitet dann eine Grenze, bei der es kein Zurück mehr gibt. Steiner spricht von der Zeit zwischen dem 9. und dem 10. Lebensjahr (Kinder in der dritten/vierten Klasse), die Entwicklungspsychologie nennt eine Zeitspanne zwischen dem 8. bis zum 12. Lebensjahr.

Aber was ist eigentlich dieser Rubikon? Wie “merkt” man, wenn das Kind den Rubikon überschreitet, und wie können wir unsere Kinder dabei begleiten? 

“Alea iacta est!”
Der Rubicone ist ein kleiner, italienischer Fluss zwischen Ravenna und Rimini. Was so verheissungsvoll urlaubig klingt und in Waldorfkreisen in aller Munde ist, verdankt seine Berühmtheit niemand anderem als Julius Cäsar.
“Alea iacta est!”, der Würfel ist gefallen, sprach Julius Cäsar 49 vor Christus und überquerte mit seinem Heer den kleinen Fluss Rubikon in Richtung Rom. Er war sich bewusst, dass es für ihn und sein Heer kein Zurück mehr gab, auch wenn dieser Schritt, den Grenzfluss bewaffnet zu überqueren, einer Kriegserklärung gleichkam. 
Noch heute spricht man davon, den Rubikon zu überqueren, wenn man einen riskanten und unwiderruflichen Schritt wagt.

Was passiert mit meinem Kind, wenn es den Rubikon überquert?

Als würde es noch ein bisschen schlummern, ist das Kleinkind, verträumt und unbefangen, ganz und gar verwoben mit seiner Umgebung. Auch wenn es bereits unüberhörbar ICH sagen kann, so ist es dennoch unvoreingenommen und tief in der Nachahmung seiner Bezugspersonen verwurzelt. Für viele Kleinkinder ist die Welt glücklicherweise eine heile Welt, die als schön und gut erlebt wird. 
Irgendwann aber ist ausgeträumt, und das Kind erlebt sich selber, ganz wach, unabhängig von seiner Umwelt. Es beginnt, diese von aussen zu betrachten, in kritischer Distanz, und die einst so magische Welt wird prüfend und neugierig kennen gelernt. Eltern, Erzieher und Vorbilder werden skeptisch beäugt und sind von nun an nicht mehr unfehlbar. Das Kind beginnt zu hinterfragen, und dabei können grosse Zweifel aufkommen.
In der Zeit dieser Wesensveränderungen erleben die Kinder auch eine hormonelle Umstellung. 

Ist mein Kind im Rubikon?

Es ist klar, dass sich der Rubikon nicht bei jedem Kind gleichermassen äussert. Es ist wie immer und mit allem: Die einen springen unmerklich mit Leichtigkeit über den Fluss, andere brauchen Wochen oder Monate, um ans andere Ufer zu gelangen. Sicher ist, dass jeder irgendwann ankommt in der Pubertät (so beruhigend finde ich jetzt das grad gar nicht so…).
Wenn ihr hier nun weiterlest, dann beachtet bitte, dass das Geschriebene zwar sein kann, aber nicht sein muss.

Ein Fluss versickert und eine frische Quelle entspringt an einem neuen Ort.

Sich ablösen von der vertrauten, alten Welt und sich aufmachen auf neue Wege zur Ich-Werdung kann ein Gefühl von Halt- und Orientierungslosigkeit auslösen, das Verunsicherung und Verletzlichkeit mit sich bringen kann. Die Kinder sind besonders empfindsam, manche fühlen sich einsam, andere haben Ängste, spüren eine Wut oder sind auf unerklärliche Art und Weise traurig. Während manche Kinder laut und provozierend auftreten, verstummen andere und kehren ganz in sich.
Das Kind im Rubikon beschäftigt sich mit wichtigen, elementaren Fragen: wo komme ich her und wo gehe ich hin? Wohin gehöre ich? Wie war es, als ich zu euch gekommen bin? Siehst du mich und liebst du mich auch dann, wenn ich bin, wie ich jetzt bin?

Dieses Wissen-wollen über den Ursprung und das Leben, das Brücken schlagen und die Momente, in denen wir gemeinsam darüber reden, schaffen Nähe, und ich erlebe diese, auch für mich als Mama, als besonders wertvoll. 
Fast schon ein bisschen betrübt beobachte ich, dass das endlose, phantasievolle Spiel meines Kindes langsam versiegt… Und dann freue ich mich darüber, dass es Neues findet, was es von Herzen tut und ihm eine neue Welt öffnet. Schaue zu, wie es sich, ganz fasziniert, komplizierte Erfindungen ausdenkt, in Büchern versinkt, Pläne von Konstruktionen zeichnet, sich für den Umweltschutz interessiert, eigene Musikstücke komponiert oder sich freudig mit anderen Kindern „auf den Weg” macht.
Es kann sein, dass die Kinder in dieser Zeit des Aufbruchs ein grosses Bedürfnis nach körperlicher Nähe und Kontakt haben. Als ob sie nochmals all diese wohlige warme Nähe sammeln würden, bevor sie den grossen Schritt hinaus in die Welt wagen. Manche brauchen wieder Einschlafbegleitung, ein Licht in der Nacht, so, wie anno dazumal, und vielleicht seid ihr total geflashbacked.
Oft kommt es vor, dass sich Kinder in dieser Zeit abgrenzen wollen, sich zurückziehen, die Türe hinter sich zu machen: “Eintretn ferboten“.

Wie kann ich mein Kind während dieser Zeit unterstützend begleiten?

In einem Vortrag des Bildungsforschers Axel Föller-Mancini über den Rubikon hörte ich folgendes Zitat aus dem Buch „Das wiedergefundene Licht“ von Jacques Lusseyran: 
“Meine Eltern – das war Schutz, Vertrauen, Wärme. Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich noch heute das Gefühl der Wärme über mir, hinter mir und um mich, dieses wunderbare Gefühl, noch nicht auf eigene Rechnung zu leben, sondern sich ganz, mit Leib und Seele, auf andere zu stützen, welche einem die Last abnehmen.
Meine Eltern trugen mich auf Händen, und das ist wohl der Grund, warum ich in meiner ganzen Kindheit niemals den Boden berührte. Ich konnte weggehen, konnte zurückkommen; die Dinge hatten kein Gewicht und hafteten nicht an mir. Ich lief zwischen Gefahren und Schrecknissen hindurch, wie Licht durch einen Spiegel dringt. Das ist es, was ich als Glück meiner Kindheit bezeichne, diese magische Rüstung, die – ist sie einem erst einmal angelegt – Schutz gewährt für das ganze Leben.”

Die Worte Jacques Lusseyrans, französischer Widerstandskämpfer, Literaturprofessor und Schriftsteller, der als Kind aufgrund eines Unfalles erblindete, haben mich so bewegt. Denn genau so, wie wir das Seelenleben unseres Kleinkindes pflegen und nähren, so sehr ist es unsere Aufgabe, dem Kind in der Vorpubertät mit Liebe, Wärme, Optimismus und offenem Herzen zu begegnen, sodass die Seele frei und dennoch getragen bleibt, geschützt für ein ganzes Leben.

– Wenn die heile Welt zurückgelassen wird, ist es essenziell, statt dieser einen Schutzraum vorzufinden, eingerichtet mit bedingungsloser Liebe, Verlässlichkeit, Halt und Sicherheit.
– Vielleicht fordert diese Zeit von uns, dass wir noch präsenter sind, noch genauer hinsehen, hinhören und erspüren, was unser Kind braucht. Denn manchmal ist es schwer, Empfindungen an Worte zu knüpfen. Stets in Beziehung zu bleiben, ist wohl auch jetzt das allerwichtigste.
– Auch wenn sie schon ganz schön “unhandlich” sind, unsere grossen Kinder, so haben viele das Bedürfnis, zu kuscheln und körperliche Nähe zu spüren. Nähe nährt!
– Beziehungen und Kontakte zu Menschen, die im Leben stehen und dem Kind auf Augenhöhe, authentisch, emphatisch und verbindlich gegenüber treten, sind wichtig in dieser besonderen Zeit und können das Kind nachhaltig inspirieren. Positive Vorbilder geben Halt und Orientierung und helfen dem Kind, freudig und vertrauensvoll in die Welt hinaus zu gehen.
– Das Kind im Rubikon hat das Bedürfnis, sich Zeit für sich zu nehmen und sich hin und wieder distanzieren zu dürfen, von den Eltern und auch von den Geschwistern. Es ist schön, wenn wir ihm Raum und Zeit dafür gewähren. 
– Nicht nur das Kind in der Vorpubertät braucht diesen Raum, sondern ab und zu natürlich auch die Geschwister, die den rätselhaften Gemütsverfassungen und Stimmungen zuweilen verdattert ausgesetzt sind. 
– Was das Herz begehrt: Vielleicht ist es die Musik, die dem Kind in dieser Zeit das Tor zur Welt öffnet, vielleicht Sport, die Natur, das Gestalten mit Farbe oder Ton? Schön ist es, wenn wir das Kind dabei unterstützen, seine Energie und Freude in eine Tätigkeit zu lenken und daraus zu schöpfen.  
– Nicht immer werden wir die Gefühle unserer Kinder verstehen oder nachvollziehen können. Dennoch dürfen wir ihre Empfindungen ernst nehmen, darauf eingehen und keinesfalls versuchen, diese abzusprechen oder zu negieren. Es tut auch ganz gut, sich mal darauf zurück zu besinnen, wie das war, damals, mit uns und unserem Gefühlsleben… Und vielleicht können wir unserem Kind ganz ähnliche Geschichten erzählen.  
– Zeit zum Zuhören, Reden, Erklären, Phantasieren und Zusammensein… Mein Kind will so vieles wissen über diese Welt. Stundenlang sprechen wir über Galaxien, über Maschinen und Computer, fremde Länder, Ungerechtigkeiten, darüber, was man erfinden müsste, was früher war, und wie es wohl mal sein wird. Spannend und inspirierend, wenn so viele verschiedene Ideen und Meinungen auf den Tisch gelegt werden.
– Ihr kennt sie alle, diese Einladungen, auf denen steht: Mitnehmen – Gute Laune! Ich glaube, genau sowas müsste wohl auch auf der Elterneinladung zum Rubikon stehen. Ein vertrauensvolles Lachen und wohlwollender Humor ist oftmals hilfreicher als angestrengte Blicke oder genervtes Schnauben. Und sicherlich lustiger für alle. 

… aber eine andere Türe öffnet sich.

Manchmal ist es schmerzhaft zu spüren, dass etwas zu Ende geht, damit etwas Neues entstehen kann. Es gibt Momente, in denen bin ich wehmütig und klöhne wie ein altes Tantchen darüber, dass die Zeit viel zu schnell vorübergeht. Vielleicht aber ist der Rubikon nicht nur für unsere Kinder ein biographischer Schritt, sondern bietet uns Eltern die Gelegenheit, nochmals ganz nah und innig mit und bei unseren Kindern zu sein, dieses gute Miteinander nochmals bewusst zu etablieren, um dann satt, vertrauensvoll und voller Liebe loszulassen, wenn sie ihre Flügel ausbreiten. 

Euch und euren Kindern wünsche ich frohe Frühlingstage und Sonne im Herzen.
Habts fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe, Sandra

Hier gehts zum Rubikon Teil 2 // Rituale im Rubikon //
Hier gehts zum Rubikon Teil 3 // 10 Bücher für Kinder im Rubikon //

Dieser Text basiert auf Büchern und Vorträgen zur Waldorfpädagogik sowie auf Gesprächen mit Fachpersonen, er spiegelt aber auch meine eigenen Erfahrungen wider.

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