ESSEN KOMMEN! // 6 RITUALE RUND UM DEN FAMILIENTISCH

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“Es ist wichtig, die Kinder zu begleiten, von einer Tätigkeit zur anderen, fliessende Übergänge zu schaffen, sodass die Kinder nicht herausgerissen werden, aber dennoch da ankommen, wo du sie haben möchtest…” Das sagte man mir, während eines Praktikums in der Ausbildung zur Kindergärtnerin.

Meine Mentorin war ein Guru. Sie kam, spürte, handelte kindgerecht, und es gelang ihr, dass es stimmig war. Immer. Das wollte ich auch können, und als ich meine erste eigene Kindergruppe übernahm, waren meine Vorbereitungen vollgepackt mit tollen Ritualen! Leider aber waren manche so langweilig, dass es richtiggehend anstrengend wurde. Manche waren aufwändig und kompliziert, so dass ich, bevor ich das Ritual einfliessen lassen konnte, schon vergessen hatte, was ich eigentlich wollte…
Was so leicht aussah brauchte Zeit, Geduld und Ruhe. Ruhe, um die Kinder zu hören und sich von ihnen inspirieren zu lassen. Sie haben wunderbare Ideen und spüren gleich, ob ein Ritual für sie funktioniert oder nicht. Dabei sind sie so ehrlich, unverblümt und direkt, dass man zwischendurch Luft holen muss.

Rituale sind Brücken oder eine liebevolle Hand, die gereicht wird, damit man den Halt nicht verliert und in Sicherheit und Geborgenheit weitergehen kann. Rituale sind bewusst gesteckte, hilfreiche Wegmarken, mit denen Übergänge, Abläufe und Alltagsbegebenheiten liebevoll “eingepackt” und so leichter und fliessender gestaltet und erlebt werden können. Sie bringen Ruhe in den Alltag und sind wichtige Orientierungshilfen, geben den Kindern Sicherheit, schaffen Vertrauen und Platz. Ein feines, stimmiges und passend gestaltetes Ritual gibt ein Gefühl von Gemeinschaft und kann diese über viele Jahre begleiten. Und für mich sind sie immer wieder die Strohhalme, an denen ich mich festhalte, wenn’s mal wieder strudelt.

Essen kommen! Alle an einem Tisch…
Schön ist es, zusammen zu kommen, um gemeinsam zu essen. Das Essen ist für viele Familien die einzige Gelegenheit des Tages, mit allen an einem Tisch zu sitzen, zusammen zu sein, sich auszutauschen und sich zu nähren. Um so schöner ist es, wenn diese “Zusammenkunft” auch wertgeschätzt wird… Ganz ohne trallala, aber von Herzen.
Bestimmt habt ihr bereits Rituale “rund um den Esstisch”. Vielleicht aber findet ihr hier noch das eine oder andere, was ihr gerne ausprobieren möchtet.

1. Gemeinsam den Tisch decken
Kinder können sehr gut beim Tischdecken mithelfen. Ab und zu maulen ist ok. Fein ist es für die Kinder, wenn sie den Tisch speziell wunderschön decken dürfen, bisschen so wie im Restaurant. Dabei lernen sie, auf welcher Seite des Tellers das Messer und auf welcher Seite die Gabel liegt (wo ist links, wo ist rechts) und wissen mit der Zeit voll gut Bescheid, wieviele Teller und Gläser benötigt werden. Es ist ein grossartiges Gefühl, wenn man was für die Gemeinschaft tun kann.
Bei uns steht immer eine Kerze und ab und zu ein kleiner Blumenstrauss mit auf dem Tisch.

2. Candellight dinner
Ja, wir entzünden jeden Abend (und an dunklen Tagen auch am Morgen und am Mittag) eine Kerze auf dem Esstisch, bevor wir essen. Jeweils ein Kind darf die Kerze entzünden und wir singen dazu ein kurzes Lied. Das Kerzenlicht begleitet unser gemeinsames Essen. So lange die Kerze brennt, bleiben alle am Tisch. Wird sie ausgepustet, dürfen die, die schon fertig sind, vom Tisch aufstehen. 
Bei uns ist es die Kleine, die ihr Essen durch und durch geniesst. Sie braucht dafür länger und das ist grossartig. Der Grosse hingegen ist schneller fertig und darf dann auch früher aufstehen. Zu warten, bis alle fertig sind, ist für Kinder, je kleiner sie sind, umso schwieriger. Dennoch ist es meist so, dass der Grosse gerne noch sitzen bleibt, weil wir viel zu reden haben, weil’s grad gemütlich, spannend oder einfach lustig zu und her geht am Tisch. Das finde ich dann ganz besonders schön.

3. Wir reichen uns die Hände…
Wenn alle am Tisch versammelt sind, das feine Essen vor uns steht, reichen wir uns die Hände und singen ein Lied oder sprechen gemeinsam einen Spruch. Es geht dabei um ein kurzes Innehalten, ein Betrachten der Leckereien, ein Wertschätzen und Danke sagen. Wir danken den Menschen, die das Essen zubereitet und denen, die den Tisch gedeckt haben und natürlich ist es auch ein dankbar sein dafür, dass unsere Teller voll sind. 
Es ist schön und ausreichend, sich von Herzen einen guten Appetit zu wünschen oder einfach danke zu sagen. Vielleicht aber mögt ihr ab und zu ein bisschen Abwechslung. Anbei findet ihr ein paar Tischsprüche, die wir gerne sagen: 

“Erde, die uns dies gebracht,
Sonne, die es reif gemacht,
liebe Sonne, liebe Erde,
euer nie vergessen werden”
(Christian Morgenstern)

” Es Brot us Chorn,
en Öpfel vom Baum,
Wasser us dä Ärdä,
liebi Sunnä, liebi Sunnä,
mir danke dir, dass du immer alles neu lasch la wärdä.”
(Spruch meiner Lieben Praxiskindergärtnerin Annina ♥)

“Wir sind die (Berliner-) Spatzen
und necken alle Katzen
piep, piep, piep,
wir haben uns alle lieb.
Guten Appetit.”
(aus der Kita meines Sohnes… Erinnerungen an Berlin!)

“Wir reichen uns die Hände nach guter alter Sitt
und wünschen uns zum Essen einen guten Appetit.”

Ich weiss, das “Sich-die-Hände-reichen” und sich berühren (!) ist gar nicht jedermanns Sache. Es gibt immer mal wieder Verwandte bei uns am Tisch, die dabei urplötzlich das Gefühl haben, eben in einer Sekte gelandet zu sein. Dabei werden sie von einer leichten Panik gepackt, weil sie denken, sie müssten demnächst noch bei Sonnenuntergang splitterfasernackt auf einem abgemähten Kornfeld tanzen und dabei heulen wie ein Wolf… Ich muss dann immer ein bisschen schmunzeln.
Für Kinder ist das “Sich-halten” ein wichtiger, sinnlicher Impuls. Sich und andere zu spüren ist essentiell… und so schön!

4. Ich bin satt
Nach dem Essen dürfen die Kinder helfen, den Tisch abzuräumen. Jeder seinen Teller oder aber alle alles, bis die Küche aufgeräumt ist. In manchen Familien oder Kindergärten werden nach dem Essen die Hände gewaschen, in vielen Waldorfkindergärten gibt es nach dem Händewaschen ein “Goldtröpfchen”.

5. Das Goldtröpfchen ist ein ganz zauberhaftes Ritual
Nach dem Händewaschen formen die Kinder ihre Hände zu einem Schälchen und bekommen von der Kindergärtnerin oder der Erzieherin ein Tröpfchen Lavendel- oder Rosenöl auf die Handflächen. Das Verteilen der Tröpfchen wird mit einem Lied begleitet. Dann wird das Goldtröpfchen in den Händen verrieben, daran gerochen, die Hände fein gepflegt und die Sinne beflügelt… 

6. Siesta
Kleine Kinder machen nach dem Mittagessen häufig ein Schläfchen. Unsere Kinder schlafen natürlich längst nicht mehr, aber sie spielen was für sich, lesen, malen oder hören ein Hörspiel. Siesta! Wir machen das seit vielen Jahren so und das passt sehr gut für unsere Familie. Die Kinder kommen so zur Ruhe und tanken auf, um danach wieder aus dem Vollen schöpfen zu können. Und für mich als Mama ist das eine feine Auszeit, die ich schätze und sehr geniesse. 

Wenn ihr Rituale für den Alltag mit Kindern erschafft, so ist es wichtig, dass ein Ritual stimmig ist für euch und eure Familie oder eure Kindergruppe. Es soll erleichternd und bereichernd sein und nicht “noch was” was erledigt werden muss. Je einfacher ein Ritual, desto lieber und länger lässt man es in den Alltag einfliessen. Grundsätzlich ist es immer fein, eine Handlung (zum Tisch kommen, Hände waschen, Teller in die Küche bringen…) mit einem Lied oder einem Spruch zu begleiten. Schon das kann zu einem schönen, wichtigen Ritual werden, das eure Kinder begleitet und trägt.

Ein tolles Buch über das gemeinsame Essen hat übrigens Jesper Juul geschrieben. Es heisst “Essen kommen” Familientisch – Familienglück und ist im Beltz Verlag erschienen (danke den zwei Frauen am Beltz-Tisch der Blogfamilia für das Rezensionsexeplar… lange her, aber unvergessen). 
Darin findet man viele wertvolle Anregungen rund um das Familienessen, über Hygge, Gemeinschaft, Stress und Konflikte am Tisch und über die Lust am Kochen und Geniessen. Jesper Juul schreibt über Kinder und Gemüse (!) und darüber, wie man einem Kind einen neuen Gusto schmackhaft machen kann. Dazwischen stösst man immer wieder auf leckere Rezepte. Seine Texte haben mich inspiriert, wieder mal die “Normen” zu überdenken und mich voll entspannt an den Esstisch zu setzen. Ach ja, spannend fand ich übrigens die Tischmanieren für Eltern… Handy aus, Beziehung an! Eh klar, denn Essen ist Liebe. 

Von Herzen wünsche ich euch und euren Liebsten eine zauberhafte Woche mit spannenden, innigen und lustigen Zusammenkünften am Familientisch. Und falls ihr ein Lieblingsritual beim gemeinsamen Essen habt, dann würde ich mich riesig freuen, wenn ihr es mir mir teilt!

Habt’s fein und lecker und wunderbar.
Alles Liebe, Sandra

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2 thoughts on “ESSEN KOMMEN! // 6 RITUALE RUND UM DEN FAMILIENTISCH

  1. Ich wäre jetzt gerne Mäuschen beim nächsten Verwandtschaftsbesuch 😉 WIr machen es auch so wie ihr – bis auf das Sektenzeugs und das Singen 😉 und gaaaanz wichtig ist die Siesta… einfach mal am Tag kurz zur Ruhe kommen, dann ist eh schon wieder Action angesagt: eigentlich brauch ich die Siesta am meisten. Ich schlaf dann auch eine halbe Stunde tief und fest. Das mit dem Goldtröpfchen gefällt mir total gut, schau ma mal, wie toll die Kids das finden… glg Uli

    1. Liebe Uli, die Siesta ist ja auch eher meine Idee… die Kinder finden es nicht immer so lässig, aber es tut einfach allen gut. Das Goldtröpfchen machen wir am Abend, beim ins Bett gehen. Mit Lavendelöl. So fein. Wir singen dazu: Goldtröpfchen, Goldtröpfchen, mit dem goldnen, runden Köpfchen, oh wie schön, oh wie fein, sollen unsere Träume sein… Aber darüber schreibe ich das nächste Mal.
      Liebste Grüsse und bei der nächsten Siesta denke ich an dich!

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