EINPACKEN, AUSPACKEN, INNEHALTEN // WIR SIND GELANDET

“Und das ist der Zapfen, der mir direkt vor meine Füsse gefallen ist. Beinahe auf den Kopf!” Mit leuchtenden Augen hält mein Kind einen nicht mehr so taufrischen Kiefernzapfen in den Händen.

Es ist Ende Juli, wir sitzen auf dem Wohnzimmerteppich in Wien, die Kinder und ich. Kisten und Berge von Zeug um uns rum, fest entschlossen (also ich), auszumisten, aufzuräumen, klar Schiff zu machen, bevor der Umzugswagen vor der Türe steht. Längst war ich da in diesem Erledigungsmodus angekommen, in dem ich wie eine ferngesteuerte Fräulein Rottenmeier im Hamsterrad mit der kilometerlangen To-Do-Liste haderte. Es war so viel zu tun. Dazu kam noch diese Schwere, die mich wie ein geschlagener Hund von Zimmer zu Zimmer schleppen liess, die Tränen immer knapp am überlaufen. Als würde ich ins Exil geschickt. 

“Plan des Tages” war es, aus den je drei proppenvollen Schatzkisten pro Kind jeweils eine zu machen. Braucht höchstens eine halbe Stunde, Feng Shui und hui, weg mit dem vielen Plunder. Das klingt einfach, aber natürlich hatte ich die Rechnung ohne meine Kinder gemacht. “Weisst du noch, Mama? Der Zapfen?” Erwartungsvoll blinzelt er mich an. Ehrlich, ich konnte mich nur noch schwach an die Zapfengeschichte erinnern, aber als mein Kind den kleinen Filzball aus der Kiste zog und begeistert dessen Geschichte zu erzählen begann, ja, in dem Moment dämmerte mir, dass sich mein fein angedachter “Plan-des-Tages” wahrscheinlich ziemlich in die Länge ziehen würde.
Meine Kinder waren glücklich versunken im Hier und Jetzt, mit all den kostbaren Schätzen, die verknüpft sind mit tausend wunderbaren Gedanken und Geschichten unseres Lebens in Wien. 

Widerwillig drückte ich die Stopptaste und merkte, wie mein inneres Schwungrad noch immer in Bewegung war: Kisten packen, Zeug sortieren, Dinge ordnen, Listen abarbeiten… Aber erstmal zogen wir Geschichten aus den Schatzkisten. 
Mitten im Sturm langsam zu werden ist nicht einfach. Meine Kinder haben mich gelehrt, dass es oft nichts bringt, wenn man mitstrudelt, sondern dass es manchmal richtiger ist, eben gerade dann die Welt anzuhalten. Innehalten verschafft Luft und gibt einem die Möglichkeit, Kraft zu schöpfen und ab und zu sogar einer neuen Richtschnur nachzugehen. 

Ein paar Tage, viele gepackte Kisten, tausend Abschiede und eine lange Autofahrt später hörten wir das Navi sagen: “Sie haben ihr Ziel erreicht. Das Ziel liegt rechts.”
Da standen wir nun, vor unserem neuen Zuhause, welches wir von Bildern kannten, aber dessen Energie und Eigenart wir erst erspüren mussten.
Jetzt sind wir also hier. Gelandet in Winterthur. Die Kinder, die sind schon angekommen. Ich hingegen hinke noch etwas hinterher.

Gerne hätte ich bereits alle Kisten fix fertig ausgepackt und sämtliche Sachen ordentlich verräumt. Ich wollte, die Bilder wären bereits am richtigen Ort aufgehängt, die Lampen montiert und der Garten soweit vorbereitet, dass ich ein paar Wintergemüse einpflanzen könnte. Ich wüsste zu gerne jetzt schon meine Wege, wo ich frisches Gemüse bekommen, einen lecker Kaffe trinken und Blumen besorgen kann, und ich wünschte mir sehnlichst, dass ich ganz entspannt und mit Muse schreiben und mir feine Sachen ausdenken könnte. Fräulein Rottenmeier wedelt auch hier immer mal wieder emsig mit dem “Ämtliplan” und hält mich ganz schön auf Trab. Aber ab und zu winke ich mutig zurück und gehe stattdessen auf lange Entdeckungsreisen mit meinen Liebsten. 

Wir sind durch den Spätsommerwald hinter dem Haus gestreift, haben Stöcke geschnitzt, Feuerchen am Waldrand entfacht und einen super tollen Bach entdeckt. Wir wissen, wo wir Bucheckern und Kastanien finden können, wo Holler wächst und Haselnüsse reifen, wo es sich lohnt, nach Lehm zu graben, und wir haben bereits einen Lieblingsbrunnen gefunden, in dem man sich prächtig erfrischen kann. 
Kostbare Erinnerungen und unvergessliche Geschichten werden an den Orten gesponnen, wo man sich Zeit nimmt und zur Ruhe kommt, auch wenn es strudelt. Da, wo man sich öffnet, um wahrzunehmen und zu staunen. Da, wo erzählt wird und wo man sich zuhört, bis es warm und behaglich wird.
Und ab und zu kann es hilfreich sein, wenn einem ein Föhrenzapfen beinahe auf den Kopf fällt… nur dass man’s nicht vergisst. 

Von Herzen wünsche ich euch lebendige, innige Tage und immer mal wieder einen Moment des Innehaltens. 

Habt’s fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe aus Winterthur,
Sandra

Übrigens: Wenn man eine Schatzkiste Tetris-clever einräumt, kann es geschehen, dass die Kostbarkeiten von drei Kisten plötzlich in einer Kiste Platz finden, ohne dass man sich von vielen Dingen verabschieden muss. Ich sags euch: Tetris ist das halbe Leben.

4 thoughts on “EINPACKEN, AUSPACKEN, INNEHALTEN // WIR SIND GELANDET

  1. Wie wunderbar geschrieben!! Dein Text hat mir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Schön, dass ihr in eurer neuen Umgebung schon so viel entdecken konntet. Ich wünsche euch eine großartige Zeit. Habt es fein!!!
    Liebe Grüße aus dem hohen Norden
    Lydia

    1. Liebe Lydia, das freut mich sehr. Danke für deine lieben Worte, und auch ich wünsch dir eine ganz grossartige Zeit. Bis bald und alles Liebe
      Sandra

  2. Liebe Sandra, auch wir haben einen Umzug hinter uns und ich habe mich in vielen Deiner Worte wiedergefunden. Gestern Abend saß ich noch mit einer Schatztruhe auf dem Sofa. Es ist schön soetwas zu haben, gerade auch für die Kinder. Toller Beitrag, da schaue ich immer gerne bei Dir vorbei. Alles Gute fürs neue Heim.

    1. Liebe Miriam
      Ich hoffe, dass ihr schon angekommen seid, am neuen Ort. Die Seele braucht ja immer ein bisschen länger, von da nach dort… Danke für deine lieben Worte und ich wünsche euch von Herzen, dass ihr an eurem neuen Ort viele wunderbare Schätze in die Kisten und die Herzen legen könnt.
      Alles Liebe, Sandra

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