FUNDSTÜCKE VOM WOCHENENDE // LAUT UND LEISE

Unsere Kinder waren eingeladen zur Halloweenparty. Ich hätte mir einen gemütlichen Abend gewünscht, ganz ehrlich. Aber die Kinder waren Feuer und Flamme: boom shakalaka! Die Freunde, die eingeladen hatten, wohnen gleich ums Eck der amerikanischen Schule hier in Wien. Und da, ich sag’s euch, geht an Halloween aber so richtig die Post ab… Rund um die amerikanische Schule wohnen viele Familien, die Halloween lieben, leben und sich wochenlang freudig und innigst vorbereitet hatten auf diesen einen Abend. Menschen, die mit diesem Brauch aufgewachsen sind und ihn mitgenommen haben in das fremde Land, die dieses Fest ihren Kindern weitergeben möchten, die Gemeinschaft schätzen und sich beim Feiern vielleicht noch ein bisschen mehr zu Hause fühlen.
Sie scheuten weder Mühe noch Zeit, ihre Vorgärten in gruselige Grabstätten zu verwandeln, wärmende Feuer zu entzünden, Hexen kichern zu lassen, Häuser zu Spinnnetz-umwobenen Geisterhütten umzugestalten, aus denen da und dort ein Skelett hinauslugte und einem zu einem Treat verführte. Eimerweise Treats (Augen zu und durch, alles andere lässt einem verzweifeln), versteht sich, für die vielen Hundert Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen, die sich aufwändig und kreativ verkleidet hatten und friedlich von Tür zu Tür schritten. Und jedes mal, wenn meine kleine süsse Hexe mit ihrem geöffneten Hexenbeutelchen vor den Süssigkeitenhaufen stand und “trigotri” (trick or treat) nuschelte, wurde ihr nicht nur was Süsses geschenkt, sondern es gab immer noch ein Lächeln und ein freudiges “HAPPY HALLOWEEN!” dazu. Herzlich und echt und lebendig.
Ich glaube, dass die Kinder dieses Fest nicht vergessen werden, nicht nur deshalb, weil wir für die nächsten 20 Jahre mit ausreichend Süsskram versorgt sind, sondern auch, weil uns diese freudigquirrlige, friedliche, ganz andere Stimmung verzauberte.

Nur ein paar Stunden nach dem Saus und Braus war November. Allerheiligen. Wir haben einen langen Spaziergang gemacht, sind durchs Laub geschlurft, haben goldene Ginkoblätter gesammelt, die Krähen am Himmel beobachtet und Bäume entdeckt, die sich schon all ihrer Blätter entledigt hatten und deren Äste knorrig schwarz in den Novemberhimmel ragten. Als es eindunkelte, gingen wir nach Hause, haben Tee gekocht, Kerzen aus dem Schrank geholt und darüber gesprochen, wie viele Seelenlichter wir entzünden, damit sie bis weit in die Nacht hinein leuchten.

Während wir die Kerzen auf die Fensterbank gestellt hatten, haben wir geredet. Über kleinste und grosse Sterne am Himmel, über den Tod und das Licht und das Leben, über Urgrossmütter und Urgrossväter, über unsere Seelenvögel und darüber, wie wertvoll und grossartig das Leben ist. Dabei hat sich eine Ruhe und Wärme um uns gelegt, uns eingepackt und uns ganz nah zueinander gebracht. Still, nährend und ganz und gar verbindend.
Das erste Mal ist mir heuer bewusst geworden, dass der letzte Tag des Oktobers und der erste Tag des Novembers gegensätzlicher nicht sein könnten. Und dass sie gerade deswegen so gut zueinander passen. Dass das Laute genau so Platz haben darf wie das Leise, das Ausgelassene wie das Zurückgezogene, das Lustige und das Traurige, das Federleichte und das Schwere. Wenn man in Beziehung ist, mit sich, seinen Liebsten und dem Leben, darf all dem Raum gegeben und Wertschätzung entgegengebracht werden. Weil daraus ein wichtiges, wahres und ehrliches Ganzes gelingen kann.


Als die Kerzen angezündet waren und dabei liebe Gedanken in die Welt hinausgeschickt wurden, hat mein Liebster mit dem Grossen Musik gemacht. Erst haben sie ein ruhiges Weihnachtslied gespielt, stimmungsvoll und sehr passend zu den brennenden Kerzen. Dann aber wünschte sich der Grosse das schnelle Piratenstück. Schnell und wild, rhythmisch und aus tiefstem Herzen. In Gedanken habe ich meine Grossmutter gesehen. Wie sie ihren Körper hin und her wiegt. Sie liebte “lüpfige” Musik und ich bin mir sicher, mein Grossvater hätte sie bei diesen Rhythmen zum Tanz aufgefordert. Und genau deshalb gehört auch das Piratenstück zum Kerzenschein dazu. So, wie der 31. Oktober zum 1. November gehört.
Die Kleine hat sich’s derweil auf dem Sofa fein gemacht, hat der Musik gelauscht und dazu mit Schokopapier geraschelt. Das Halloweensackerl – sehr verlockend und wohl never ending! 

Ich wünsche euch einen stimmungsvollen November.
Habts fein und nah und innig.
Alles Liebe, Sandra

Falls ihr Lust auf Süsses habt, kommt einfach vorbei!

3 thoughts on “FUNDSTÜCKE VOM WOCHENENDE // LAUT UND LEISE

  1. Wundervoller Text, liebe Sandra. Halloween ist ja bei uns nicht, aber ich war am 1. November am Abend am Friedhof – es war wunderschön mit Lichtern bestückt und und ganz leise und friedlich und der Wind hat sanft ein paar Blätter vor sich her geblasen. Die Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens lag so nah bei einander. Euer leises Lied hätte wunderbar gepasst.

    Normalerweise bin ich aber auch Typ “Piratenmusik” – alles Liebe aus – es schneit, es schneit – Stubai

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