SELBER LIEFERN STATT BESTELLEN… WENN SICH KINDER IHRE WÜNSCHE SELBER ERFÜLLEN DÜRFEN

Bestimmt kennt ihr die Geschichten, in denen Menschen mit ihren Fingern schnipsen, und gleich räumt sich das Zimmer von selber auf, der Tisch ist wie von Zauberhand mit lecker Essen gedeckt und das güldene Kleid liegt frisch gebügelt vor ihnen. 
Schnipsgeschichten sind fantastisch, auch wenn sie bei mir nie funktionieren. Aber sie zu erfinden ist lustig und inspirierend. Besonders Kinder lieben es zu schnipsen. Und bei manchen funktioniert der “Bestellvorgang” tatsächlich einwandfrei… 

Blau bestellt, blau geliefert!

Vor mir stand ein Kindergartenkind verkleidet als strahlende Prinzessin, in einem nigelnagelneuen, wallend blauen Polyesterkleid mit tausend Rüschen. “Wow”, war alles, was ich sagen konnte, und, etwas perplex: “Aber war das Kleid letzte Woche nicht rosa?” Sie lächelte schelmisch und sagte: “Ja, aber ich wollte halt auch noch ein Blaues haben.”  Schnips und thadaa! 
Wünsche, Ideen und Vorstellungen zu haben ist schön und wichtig. Wenn ein Herzenswunsch in Erfüllung geht oder eine Idee Wirklichkeit wird, ist das ein ganz besonderes Glück. 

Aber mit den Fingern zu schnipsen ist eben auch ein bisschen so, wie im Schlaraffenland pappsatt unterm Baum zu liegen und dann kommt, heidewitzka, schon wieder ein Tiramisu angeflogen.

Vor ein paar Jahren stand mein Grosser vor mir und erklärte mir, dass er unbedingt einen Pfeilbogen braucht. Ich verstand sehr gut, dass man einen Pfeilbogen haben möchte, es ist was Tolles, und wir hätten gleich ins Spielwarengeschäft stürmen können, denn ich bin mir sicher, wir hätten was Passendes gefunden. Stattdessen stiefelten wir gemeinsam in den Garten, fanden da einen passenden Ast und sägten diesen in geheimer Mission ab. Die Rinde hat er liebevoll beschnitzt, Kerben für die Schnur gesägt und diese dann mit Hilfe gespannt. Er hat Pfeile gefertigt und sie mit bunten Federn beklebt.
Nach langer Arbeit, nach hundert kostbaren Handgriffen und strahlender Vorfreude schlich ein kleiner Indianer mit einem Pfeilbogen durch den Garten. Überglücklich und um ein unvergessliches Erlebnis reicher. Klar war der Bogen krumm und die Pfeile, jesses…
Aber die Erfahrung, durch sein Tun das eigene Werk in Händen zu halten, war mehr Wert als alles andere.

Kinder sind gefüllt mit Ideen und Vorstellungen, und sie sind voller Energie und Gestaltungskraft, wenn es um die Umsetzung geht. Oft gibt es nichts Stärkeres als ein Projekt, das verwirklicht werden will. Dann bleibt weder Zeit zum Bestellen, noch ist eine Hand frei, die schnipsen könnte. Stattdessen braucht es da und dort vielleicht Unterstützung, jemand, der gerne mitdenkt, ein bestimmtes Material heraussucht und sich mitfreut.

Der Weg ist das Ziel

Ein Mensch, der gestaltet, ist ein Mensch auf Wanderschaft. Wenn Kinder ins Tun kommen, brauchen sie Zeit, Platz und verschiedene Materialien, welche erfahren und bearbeitet werden dürfen. Sie brauchen einen Raum, der ihnen erlaubt, auszuprobieren, Neues zu erleben und zu erlernen, ohne dabei das Gefühl zu haben, effektiv sein zu müssen.
Gestalten heisst, seinen Ideen auf spielerische und wertfreie Art und Weise Form zu geben und dabei über sich hinauswachsen zu dürfen. Beim Gestalten machen Kinder Entdeckungen, entwickeln Lösungen und stärken das Vertrauen in sich selbst. Kreativ sein zu dürfen nährt den Mut, sich aufzumachen und nach dem Weg zu fragen, wenn man mal nicht weiter kommt. Dabei dürfen Ideen verworfen und frohen Mutes andere Wege eingeschlagen werden. 

Wenn wir unseren Kindern erlauben, auf diesen spannenden Weg zu gehen, erleben sie, dass es nicht immer läuft wie gedacht, aber dass es sich immer lohnt, Freude und Energie in ein Herzensprojekt zu stecken.

Wir haben hier eigentlich immer ein, zwei Projektchen, die aus Wünschen und Vorstellungen gewachsen sind. Wir tüfteln gerne zusammen, durchsuchen den Fundus, nähen, sägen, malen, kleistern, fluchen hin und wieder und spüren aber immer, dass das gemeinsame Werken und Entstehen lassen uns auf eine wunderbare Weise verbindet und uns zutiefst zufrieden macht.

Zugegeben: Nicht bei jedem Projekt meiner Kinder bin ich gleich Feuer und Flamme. Machmal bin ich versucht, mit den Fingern zu schnipsen und einfach was zu bestellen. Aber wenn wir dann auf dem Weg sind, mit roten Wangen, in aufgeregter Vorfreude, versunken in lebendigem Tun, dann sind das Momente, die für uns alle unbezahlbar sind.

Improvisation ist das halbe Leben

Manchmal stelle ich mir vor, wie es wohl wäre, wenn wir alle dem Improvisieren mehr Platz geben würden. Wie würden sie wohl aussehen, die Prinzessinnenkostüme, Fussballtrikots, Steckenpferdchen, Indianerzelte, Königskronen, Puppenküchen, Gartenhäuser, Spielzeugautos und Hundehütten, die ganz frei aus der Phantasie, den Herzen und den Händen unserer Kinder entspringen würden? Ich habe eine leise Vorstellung davon: Es wäre traumhaft.

Die kleine Prinzessin hat ihr blaues Traumkleid wohl ein Leben lang nicht vergessen. Schnipsen und einfach so mal zwischendurch was Bestelltes zu bekommen ist wunderbar, finde ich. Aber manchmal verpasst man dabei eben auch ganz schön viel. Selber liefern dürfen statt bestellen: Das ist eine ganz grossartige Chance.

Von Herzen wünsche ich euch eine freudige, kreative und innige Märzwoche mit tollen Wünschen, großartigen Vorstellungen und verrückten Ideen.

Habts fein und schön und wunderbar.
Alles Liebe, Sandra

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3 thoughts on “SELBER LIEFERN STATT BESTELLEN… WENN SICH KINDER IHRE WÜNSCHE SELBER ERFÜLLEN DÜRFEN

  1. Liebe Sandra, “hier” bin ich richtig gern. Du schreibst so schoen aus dem Leben, vom Mutter- und Lehrersein, ich freue mich immer sehr an Deinen Geschichten und Einblicken. Hab vielen Dank.

    1. Liebe Henrike
      Ich freue mich sehr, dass du gerne hier verweilst. Danke vielmals für deine lieben Worte.
      Na dann; bis ganz bald.
      Herzlich, Sandra

  2. So ein schöner Text, liebe Sandra. Und selbst wenn Pfeil und Bogen krumm sind… dann kann man um die Ecke schießen. Das schafft der aus dem Spielzeugladen nie und nimmer.

    Und selbst gemacht ist IMMER viel, viel besser… selbst das Fernglas aus Klorollen kann mehr als das Swarovski-Fernglas vom Opa 😉 Und das krumme Auto aus Holz, das keine Spur halten kann, ist öfter bespielt als das ferngesteuerte mit Batterie…

    liebste Grüße aus den Bergen, Uli

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